Die Psychologie des (inszenierten) Attentats

Frage: Wie kommt man garantiert in die Zeitung? Antwort: Als Täter oder Opfer. Entweder man tut etwas Unerhöhrtes, Verrücktes, Ungesetzliches. Oder man erlebt es. Während SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück keine Peinlichkeit auslässt und mal an Big Mamas Hand seiner treusorgenden Gattin auf offener Wahlkampfbühne Tränchen vergießt oder dem potentiellen (Nicht-)Wähler seinen Mittelfinger präsentiert, kommt für den distinguierten Professor Bernd Lucke nichts anderes infrage als die Opferrolle. Denn spätestens ab dem Zeitpunkt des “Angriffs” war die AfD in aller Munde, kam ihr eine ausgiebige Erwähnung in sämtlichen Nachrichten zu. Lucke konnte demonstrativ geschockt vor die Kameras hintreten und sein Entsetzen kundtun, dass “wir schon so weit” seien. Jede Bewegung, die Erfolg haben will, braucht ihre Märtyrer. Das Rezept ist altbekannt.
Es gab in den 1980er Jahren eine sehr erfolgreiche US-Serie: der Denver-Clan. Dort lässt sich Alexis, biestige Ex-Gattin des tugendhaften Blake Carrington bei den Gouverneurswahlen nur dazu als Gegenkandidatin ihres Ex aufstellen, um ihm die Wahl zu vermasseln. Ohne politisches Konzept, ohne Befähigung. Als sie bereits daran denkt, ihre Kandidatur zurückzuziehen, fällt ein Schuss, der eigentlich Carrington gilt, jedoch Alexis streift. Vor laufender Kamera sinkt die Leichtverletzte höchstdramatisch blutend nieder. Alexis hat nun endgültig die Nase voll, erfährt dann jedoch, dass ihr die Wahl sicher ist. Die Massen sind von ihr begeistert, laufen ihr fanatisiert hinterher. Dass sie weder Programm noch Talent hat, interessiert niemanden mehr. Ein Attentat, das nicht einmal ihr galt, hat ihren Wahlerfolg sichergestellt.
Attentate und Verfolgungen gehören zu den wirksamsten Psycho-Instrumenten überhaupt. Schließlich geht man davon aus, dass niemand einen Angriff auf sich selbst inszeniert. Die Assoziation des Todes hat etwas Endgültiges, geradezu Heiliges, und dem Sterbenden, selbst wenn er kein Sterbender ist, glaubt man alles.

Damit will ich nicht sagen, dass Herr Lucke den Angriff in Auftrag gegeben haben könnte. Das kann ich nicht beweisen. Dass er von der Tat selbst einschließlich der   fehlerhaften Berichterstattung im Nachhinein profitiert hat, ist allerdings eine Tatsache.

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