Homosexualität – Leserreaktionen

Mail von Hendrik H., 04.03.2014 13:21 Uhr

Hallo Frau Dr. Seibel,

durch einen Kommentar unter dem Barilla-Artikel in der SZ bin ich auf Ihre Website und dem Artikel Homosexualität – Einige grundlegende Antworten gestroßen.

Gerade mich, wo ich mich offen als Schwul bekenne, hat mich Ihre Meinung schon sehr interessiert, gerade, da sie anscheinend sowohl Ihre Sicht als auch die Sicht eines Vertreters der kath. Kirche beschreiben.

Zuerst einmal möchte ich Ihnen zustimmen, was Sie gleich im ersten Absatz schreiben. Es ist Privatsache. Es ist kein Thema, was ich anderen auf die Nase drücken muss.

Während ich Ihren Artikel gelesen habe, wollte ich mich über einige der Passagen aufregen, musste dann doch aber innehalten und genau überlegen, was Sie mit ihren Aussagen überhaupt zum Ausdruck geben wollen und wo solche Gedanken überhaupt ihren Ursprung haben. Mit Erschrecken musste ich mir am Ende Ihres Beitrages eingestehen, Sie haben Recht. Auch wenn man es vielleicht selbst nicht auf dem ersten Blick wahr haben mochte.
Nun möchte ich mich zu allererst davon distanzieren, dass ich einen schwulentypischen Frauenhass an den Tag lege. Sie haben die Erfahrungen bei einem Kollegen oder Bekannten gemacht und ja, dieser ist unter Schwulen doch recht häufig vertreten und ich kann dies auch nicht so ganz nachvollziehen. Wenn man sich sexuell nicht von einer Frau angezogen fühlt muss man sie nicht gleich verachten und mit abwertenden Kommentaren niedermachen. Dass sind dann aber meist die Spaßvögel, die sich dann Brüsten und bei solchen Themen wie der Aussage vom Herrn Barilla sturm laufen und sich über unsere ach so homophobe Welt aufregen. Ich selbst verbringe sehr gerne Zeit mit Freunden und auch Freundinnen. Ich würde keine meiner Freundinnen als Konkurrentin sehen, was überhaupt schon totaler Schwachsinn wäre, denn entweder ist dieser Mann, an dem ich, als auch sie interessiert wäre, heterosexuell oder homosexuell.

Auch das Thema der Hurerei ist ein sehr weit verbreitetes. Aber auch hier muss man wieder differenzieren, es gibt, anscheinend sogar eine große Mehrheit, Schwule, die sich damit schmücken, mit wem sie alles im Bett fahren. Da spricht man in einer Unterhaltung ein falsches Wort an und schon darf man sich sämtliche Bettgeschichten der letzten 3 Jahre anhören, wobei man schon nach 5 Minuten nicht mal mehr mitzählen kann, vom wievielten Sexualpartner die Rede ist. Auch erlebt habe ich schon Aussagen wie: „Du liebst mich ja überhaupt nicht, weil du keinen Sex mit mir haben wolltest.“ Nachdem man sich gerade mal 3 Stunden kannte. Das Problem, was ich sehe, liegt daran, dass die Minderheit, die Pärchen, die schon lange ein gemeinsames Leben führen und auch diejenigen, die einen Mann für das Leben suchen und nicht sich prosituieren wollen, eben unter diesem Bild zu leiden haben. Dem Punkt mit dem Selbsthass und dem Minderwertigkeitskomplex möchte ich ein klein wenig aufweichen. Natürlich ist das Netz der Schwulen teilweise enorm oberflächlich und oftmals wird nur nach Schönheitsidealen bewertet, aber dies ist mittlerweile ein Phänomen, welches eine ganze Generation betrifft, woran aber auch durchaus die Medien schuld sind, da Sie den noch jungen, unausgereiften Menschen ein Bild eines tollen Menschen anhand von Schönheitsidealen gezeigt wird, wo sich öffentlich über übergewichtige Menschen lustig gemacht wird. Aber auch als homosexueller Mensch kann man mit sich selbst zufrieden sein. Das Problem ist aber, dass die meisten Schwulen sich ihre Bestätigung durch andere schwule Mitglieder unserer Gesellschaft suchen. Ich gebe auch zu, dass ich mich teilweise auch so verhalten habe und mit meinem Äußeren unzufrieden war, bis ich selbst merkte, wie kaputt es mich macht. Mittlerweile ist für mich das Thema Gewicht und Körperumfang nur noch ein Thema, dass ich aus gesundheitlicher Sicht.

Zu der Frage, ob Schwule Priester werden sollten würde ich mit ja und nein Antworten. Der Priester, der kein Drama daraus macht, ob er nun homo- oder heterosexuell ist, der sich in der Seelsorge auf den Menschen einlassen kann, egal ob männlich oder weiblich, der sich um seine Gemeindeglieder kümmert, egal ob männlich, weiblich, hetero-, homo- oder transsexuell, der sollte auch eine solche Stelle bekleiden dürften, egal, wie seine sexuelle Einstellung ist.

Ich habe Ihnen diese Zeilen geschrieben, weil ich Ihnen meine Meinung zu Ihrem Beitrag mitteilen wollte, aber auch, weil diese Thema mich anspricht, mich betrifft und ich Ihnen einen Blick aus meiner Perspektive auf die angesprochenen Themen geben wollte.

Mit freundlichen Grüßen

Hendrik H.

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Meine Antwort, 04.03.2014 22:51 Uhr

Hallo, Herr H.,

 

ich danke Ihnen sehr für Ihre ebenso offenen wie netten Zeilen. Ich nehme Ihre Anregungen sehr gerne auf. Vor allen Dingen danke ich Ihnen dafür, dass Sie sich die Mühe gegeben haben, meine Artikel einfach mal ganz unvoreingenommen zu lesen. Darin unterscheiden Sie sich von vielen anderen, die mich in Bausch und Bogen verteufeln.

 

Mit dem Selbsthass meinte ich übrigens nicht die Abneigung gegen den eigenen Körper, sondern gegen die eigene Homosexualität (ich werde meinen Text selbst noch einmal lesen, um zu sehen, ob da etwas missverstanden werden konnte). Dies ist ein Phänomen, das ich sehr häufig beobachte.

Ich stehe der Homosexualität, wie Sie sicher gesehen haben, tolerant gegenüber. Ich finde wirklich, dass es Privatsache ist. Und ich habe auch überhaupt kein Problem damit, wen andere Leute lieben. Das geht mich prinzipiell nichts an. Was mich allerdings wirklich wütend macht, das sind die Seilschaften, die eindeutig wahrnehmbare Lobby. Denn ich finde, Toleranz muss für beide Seiten gelten. Nach dem Motto: „Ich lasse Dich leben, lass Du mich leben.“ Ich verstehe nicht, was daran so schwer ist. Und weil ich nun mal in dieser Hinsicht ganz schlechte Erfahrungen gemacht habe, ist meine Geduld an eine Grenze gestoßen, wo ich ganz klar sage: „Stopp – bis hierher und nicht weiter.“ Ich finde es unfair, wenn Bücher und Beiträge unterdrückt werden, indem mit der Diskriminierungskeule zugeschlagen wird.

Was Sie zu der Frage sagen, ob Schwule Priester werden dürfen, bejahe ich voll und ganz – mit den von Ihnen selbst ganz richtig definierten  Bedingungen.

Als Tochter eines katholischen Priesters habe ich mit der Intoleranz der Schwulen in der Kirche ganz schlimme Erfahrungen gemacht (da kommen wieder die Seilschaften ins Spiel). Sie verhindern die Aufhebung des Zölibats, sogar die Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten darüber – und damit verweigern sie anderen die Toleranz und die freie Wahl der Lebensform, die sie für sich selbst einklagen. Das macht mich dann so wütend, dass ich schon mal verbal etwas härter zuschlagen kann.

Ich hoffe, dass Sie mich darin verstehen.

Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Ihre Mail gerne auf meiner Homepage veröffentlichen. Ich kann dabei Ihren Namen abkürzen oder ganz anonymisieren, wenn Ihnen das lieber ist. Wohlbemerkt – nur wenn Sie nichts dagegen haben.

Wenn Sie wollen, können wir auch gerne den Kontakt aufrechterhalten.

Beste Grüße und einen schönen Abend noch!

Ihre Angelika D. Seibel

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Antwort von Hendrik H., 09.03.2014 01:04 Uhr

Hallo Frau Dr. Seibel,

 

vielen Dank für Ihre Antwort. Ich kann mich sehr gut vorstellen, wie viele andere Sie für Ihre Aussagen verteufeln. Ich selbst musste beim lesen mehrmals in mich gehen und über das lesene nachdenken und bin zum Schluss gekommen, dass man selbst viele Aussagen nicht gerne wahr haben möchte, sie aber dennoch stimmen.

 

Auch den Selbsthass, die Sie mir hier noch einmal beschrieben habe, kann ich so direkt unterschrieben. Gerade bei vielen Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren, die sich nicht geoutet haben und sich von der Gesellschaft unterdrückt fühlen, konnte ich dieses Verhalten erfahren. Hinzu kommt, dass viele sich dann noch über Homosexuelle lustig machen, was die meisten dann weiter verunsichert. Bei vielen habe ich auch schon den Wunsch vernehmen können, nicht mehr homosexuell sein zu wollen.

 

Was das Thema Diskriminierung betrifft, finde ich, ist unsere Gesellschaft, besonders die Randgruppen und Minderheiten, viel zu empfindlich geworden. So muss man, gerade in der Öffentlichkeit, jede seiner Aussagen mehrmals prüfen, damit man nicht nicht gleich als homophob, rassistisch oder anders diskriminierend dargestellt wird.

 

Natürlich kann ich Ihre Aussagen, auch im Bezug auf ihre Erfahrungen nachvollziehen und habe dafür vollstes Verständnis, dass sie dort auch verbal härtere Ausdrucksweisen anwenden. Zumal ich selbst mit anderen Menschen teilweise auch etwas härter umgehen muss. Gerade diejenigen, die selbst für eine so miserablen Ruf sorgen, sich dann aber beschweren, wenn dann dieser Ruf publiziert wird, für den sie selbst gesorgt haben. Teilweise ist es auch wirklich nur noch fremdschämen, wenn man mitbekommt, was andere in ihrer Freizeit machen und davon noch stolz prahlen. Da trifft es Ihre Bezeichnung „Hurerei“ mehr als treffend.

 

Gerne dürfen Sie die E-Mail auf Ihrer Website, bitte mit gekürztem Familiennamen, veröffentlichen.

 

Mit freundlichen Grüßen
Hendrik H.

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