Ist die Bibel ein Märchenbuch?

Vor einiger Zeit schrieb mir ein evangelischer Theologe in einem Forum, dass die Bibel seiner Meinung nach so eine Art Märchenbuch sei. Da die Frage von allgemeinem Interesse ist, möchte ich hier meine Antwort öffentlich machen:

Ich muss Ihnen sagen, dass ich selbst im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit (schwerpunktmäßig neuzeitliche Christenverfolgung, Entwicklung von Kirche und Gesellschaft) immer wieder von der Treffsicherheit der Bibel überrascht bin. Mit anderen Worten: es bleibt mir nichts anderes übrig, als eine göttlichen Inspiration anzunehmen. Wenn Jesus die Verkommenheit, Dummheit, Arroganz und den miserablen Charakter der Schriftgelehrten beschreibt, wenn wir das Verhalten des Judas und der schlafenden Jünger sehen, erkennen wir eindeutig, wie historische und moderne Entwicklungen der Kirche mit dem ebenso käuflichen wie gleichgültigen Charakter des Klerus vorweggenommen werden. Ich habe der Aktualität dieser Warnungen Jesu vor der Schädlichkeit eines verkommenen Klerus in meinem Zölibatsbuch ein ganzes Kapitel gewidmet.

Gerade Paulus beruft sich ausdrücklich auf die göttliche Inspiration, und er betont auch ehrlich, wenn er, z.B. in Bezug auf die Jungfräulichkeit, “kein Gebot vom Herrn” hat. Er sagt in einem solchen Fall klar, dass seine Empfehlungen nicht verbindlich sind, sondern seiner eigenen Einschätzung entspringen.

Wie sehr Paulus erleuchtet oder inspiriert war, erkennt man etwa daran, wenn er vor den gefährlichen Irrlehrern warnt, die die Ehe verbieten wollen, und festsetzt, dass der Episkopos einen ordentlich geführten Familienstand aufweisen soll. Sehen wir die katastrophalen Auswirkungen, die der Zölibat über all die Jahrhunderte seines Bestehens in der Kirche zeitigte (Blutschande mit der eigenen Mutter und Schwester, Vergewaltigung, Mord, Selbstmord, Erpressung, homosexuelle Netzwerke, Pädophilie, Verkauf von Priesterfrauen in die Sklaverei etc.), und die Paulus zu seiner Zeit unmöglich vorausgeahnt haben kann, muss man hier von göttlicher Erleuchtung sprechen. Erst recht in Anbetracht der Tatsache, dass Paulus selbst nicht unbedingt ein Fan der Ehe war (da er mit dem nahen Kommen des Gottesreiches rechnete).

Die sich als Messias ausgebenden falschen Propheten, vor denen Jesus warnt, deuten auf kommende religiöse Wirrungen hin.

Auch die von mir schon einmal hier im Forum zitierte Aussage Jesu “Bevor Abraham ward, bin ich”, ist nicht nur in grammatikalischer Hinsicht mit rein menschlichem Denken unvereinbar. Ähnliches gilt für den Logos-Prolog des Johannesevangeliums oder die Apokalypse.

Anders als man es von einem Propagandatext erwarten würde, sparen die Evangelisten selbst für sie peinliche Episoden, die auf Charakterschwäche oder gar offenkundige Begriffsstutzigkeit hinweisen, nicht aus.
So wird kein Hehl daraus gemacht, dass den Zeitgenossen Jesu die Bedeutung des gewaltigen Projektes, von dem sie ein Teil wurden, in keinster Weise klar war, auch nicht Petrus als dem ersten Papst. Dies beweist sein ebenso naiver wie angesichts der Verklärung Jesu entgeistigter Vorschlag, am Berg Tabor drei Hütten zu bauen, “dir eine, dem Moses eine und Elias eine”, weil es dort so schön sei.

Wenn Jesus seinen Jüngern Unglauben und Herzenshärte vorwirft, weil sie Maria Magdalena nicht glauben, der er zuerst erschienen ist, weist dies voraus auf die Frauenfeindlichkeit, die die Kirche bis heute an den Tag legt. Auch andere künftige Probleme werden besprochen wie etwa Nepotismus, Simonie und das Verbot, für seelsorgliche Aktivitäten Geld zu nehmen. Der Missionsbefehl in Mt 10,9 mit dem Gebot “Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Nehmt weder Gold noch Silber noch sonstiges Geld in euren Gürteln mit” bzw. Mk 6,7 “nichts auf den Weg mitzunehmen als einen Stab, kein Brot, keine Tasche und kein Geld im Gürtel” dürfte nicht zuletzt unsere heutigen kirchlichen Würdenträger in Erklärungsnot bringen.

Auch die Entweihung des Tempels durch die Habgier der Händler und ihr gnadenloser Hinauswurf sprechen eine deutliche Sprache. Unsere Herren Bischöfe, die seelsorgliche Leistungen von der Kirchensteuer abhängig machen oder als “Pornobischöfe” entsprechende Literatur über den Weltbild-Verlag unters Volk bringen, sind nichts anderes als diese Tempelhändler, die das Haus Gottes entweihen und damit demontieren. Sie sind um keinen Deut besser als die würdelosen Würdenträger des Mittelalters und der Renaissance, die ihr Amt missbrauchten, um sich die Taschen zu füllen. Und die durch ihre Lasterhaftigkeit die Spaltung durch die -wohlverdiente- Reformation hervorriefen.

Die Hauptpunkte, die Jesus anmahnt, sind Hartherzigkeit, Habgier und Unglauben. Tatsächlich sind es diese drei Laster, auf deren Grundlage alle Mißstände der Kirche bis heute gedeihen.

Gehen wir zum AT, erkennen wir gerade an den Prophetien die göttliche Inspiration. Der Messias, der Jesus ist, wird eindeutig und detailgenau vorangekündigt. Wichtig für unsere heutige Zeit sind Motive wie die Dekadenz der Gesellschaft, die Auswirkungen des Götzenkults, die Lauheit und Käuflichkeit der Schriftgelehrten und des Klerus, der Zusammenhang von politischem, wirtschaftlichem und sexuellem Niedergang usw. Lesen Sie etwa Jesajas, Jeremias und Ezechiel.
Man kann nicht damit argumentieren, dass eben alles schon einmal dagewesen sei und gewisse Prozesse sich wiederholten. Wenn Sie sich wie ich mit gnostischen Lehren befassen, werden Sie erkennen, dass dem ein innerer Zusammenhang innewohnt, der nicht einfach mit historischen Zufällen zu erklären ist.

Die Möglichkeit, dass es mitunter Interpolationen (Einschübe) von irregeleiteter Seite oder gar Irrlehrern gibt, (wie etwa die berühmte Eunuchenstelle Mt 19,12) ist kein Argument dafür, dass die ganze Bibel Menschenwerk sei. Hier hilft der Geist der Unterscheidung in Verbindung mit gesundem Menschenverstand, Kenntnis der Gebote Gottes und der hl. Schrift. Was Mt 19,12 betrifft, so wird auf diese Weise zumindest die kirchliche Interpretation der Stelle zugunsten des Pflichtzölibats, wenn nicht gar die Stelle selbst, widerlegt.