Kirchenreform

Wie retten wir das Christentum? – Einige Vorschläge zu einer grundlegenden Reform der katholischen Kirche

 

Im folgenden einige Stichpunkte, die ich zusammen mit einem kritischen Priester erarbeitet habe. Von der Situation der katholischen Kirche hängt die des ganzen Christentums ab.

Zunächst einmal müssen wir uns folgender Aspekte bewusst sein:

A) Die grundlegende Voraussetzung, von der alles ausgehen muss, ist der Wille der Kirchenführer zu einer echten Metanoia, was man mit Umdenken oder Bekehrung übersetzen kann. Daraus ergibt sich konsequent die Aufforderung zur Umkehr.

B) Es gibt eine äußere und eine innere Christenverfolgung. Die äußere ist das, was unsere Schwestern und Brüder derzeit in immerhin 50 Ländern der Erde erleben: Demütigung, Repressalien, Vertreibung, Mord. Und dann gibt es die innere, die von Akteuren ausgeht, die sich innerhalb der Kirche selbst befinden. Dies ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine überprüfbare Tatsache. Eine Lobby, deren Interesse darin liegt, das Christentum zu zerstören, hat sich bis in die höchsten Stellen des Vatikans vorgearbeitet. Ihr Erfolg fußt auf der geistigen Blindheit, aber auch auf der Korruptheit kirchlicher Würdenträger. Es gibt in der katholischen Kirche schon lange eine Tradition der Glaubenszerstörung.

C) Wir können es nicht rechtfertigen, dass unsere Schwestern und Brüder um des Glaubens willen Verfolgung und Tod auf sich nehmen, wenn wir selbst ihn faktisch aufgeben. Das ist Feigheit! Was riskieren wir im Vergleich zu ihnen? Ein paar Leute werden vielleicht nicht gerade zufrieden mit uns sein, sie werden über uns schimpfen und uns als rückständig bezeichnen. Na und? Pochen die anderen Religionen nicht auch auf ihre Identität? Ich habe berufsmäßig mit allen möglichen Kulturen und Religionen zu tun – und ich stelle fest, dass uns gerade die Muslime verachten, weil wir unsere religiöse Identität zur Disposition stellen. Haben sie nicht recht?

D) Die Machtergreifung der Piusbruderschaft, die offenbar aus zweifelhaften Kreisen des Adels und der Industrie finanziert wird, muss unter allen Umständen verhindert werden. Die Organisation hat mittlerweile den gefährlichen Weg zum Sektierertum eingeschlagen, wobei eine nationalistische, rechtsgerichtete Ideologie den Glauben immer weiter an den Rand drängt. Hinzu kommt eine krankhafte Frauenverachtung, die alle Frauen, die sich schminken oder Hosen tragen, als Huren definiert. “Bischof” Richard Williamson, von dem man sich nur unter größter Mühe getrennt hat, wollte Frauen und Mädchen nach islamistischem Vorbild den Zugang zu höherer Bildung verweigern.

Dies sind die grundlegenden Aspekte, deren wir uns bewusst sein müssen. Daraus ergeben sich folgende Maßnahmen (die Reihenfolge gibt keine Rangfolge wieder):

1) Überarbeitung des Zweiten Vatikanischen Konzils: das ist, zusammen mit der Liturgie, die Marktlücke der Piusbrüder. Und da haben sie in vielen Punkten einfach recht. Das Konzil hat zu einer totalen Zerstörung des Glaubens und zu religiöser Gleichgültigkeit geführt.

2) Die Wiedereinführung der tridentinischen Liturgie, die wirklich noch Gottes-Dienst war, als Dienst an Gott (und nicht an der Eitelkeit der Kleriker). Wir brauchen wieder das, was man als eine echte Liturgie, also heilige kultische Handlung bezeichnen kann. Darin drückt sich unser Glaube an die tatsächliche Gegenwart Gottes im Altarssakrament aus. Zudem brauchen wir eine einheitliche kultische Sprache, also das Lateinische, die die weltweite Teilnahme an der Liturgie ermöglicht. So wird eine christlich-katholische Identität gestiftet. Auf diese Weise ist der Gläubige in allen Kirchen der Welt zuhause, niemand wird mehr durch Unkenntnis der Landessprache ausgeschlossen. Spätestens seit Einführung des Schott (lateinische Messtexte mit deutscher Übersetzung) ist es für die Gläubigen kein Problem mehr, dem Geschehen mit Verständnis zu folgen. Und wer je eine gutbesuchte tridentinische Messe erlebt hat, konnte sehen, mit welchem Engagement und welcher Freude die Menschen die Liturgie mitfeiern – ganz im Gegensatz zu dem, was sich lustlos und mühevoll im nachkonziliaren Gottesdienst abspielt.

3) Wiedereinführung des Hochaltars. Der Priester zelebriert dabei nicht, wie es gern propagandistisch ausgedrückt wird, “mit dem Rücken zum Volk”, sondern als Anführer des Gottesvolkes zu Gott hin, in Richtung des Himmels, der durch den Hochaltar vergegenwärtigt wird. Ich kenne einen Priester, der ganz offen sagte: “Wenn ich da vorne stehe (gemeint: mit dem Gesicht zum Volk), fühle ich, dass ich Macht habe.” Der Priester geriert sich als Showmaster. Das kommt schon einem Missbrauch des Gottesdienstes gleich.

4) Volksmissionen. Viele Menschen wissen nicht einmal mehr, was sie an Weihnachten oder Ostern überhaupt feiern. Das Neuheidentum ist auf die Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit der Kirchenführung zurückzuführen. Eine ganz ähnliche Situation bestand vor der Inquisition. Sie führte zu dem Aufkommen der sogenannten “Ketzer”, die dem spirituell ausgehungerten Volk (Irrlehren) predigten, weil der Klerus zu faul und verkommen war.

5) Es muss klargestellt werden, dass Christus der Sohn Gottes ist – und nicht irgendein Prophet oder der gute Hippie-Mensch aus Nazareth.

6) Freistellung des Zölibats. Zum Bischofsamt sollen gemäß Paulus nur seit Jahren verheiratete Männer mit einem geordneten Hausstand und glücklicher Familie zugelassen werden. Das hat nichts mit Heiratszwang zu tun; es ist einfach die logische Konsequenz aus den Mißständen, mit denen wir gegenwärtig zu kämpfen haben.
Dazu gehört: Heimholung verheirateter Priester in den Schoß der Kirche und zu aktivem Dienst. Verheiratete Priester, die sich als Familienväter bereits bewährt haben, sollen den unverheirateten vorgezogen werden.
Die Mißstände in unserer Kirche zeigen eindeutig, dass der Zölibat uns nicht die “Elite” beschert, auf die immer verwiesen wird. Wir haben homosexuelle Seilschaften, Priester, die mit ihren Geliebten eine “wilde Ehe” führen, solche, die in Bordelle und Schwulenpuffs gehen oder Kinder missbrauchen. Das sind die “Segnungen” des Zölibats. Wir brauchen zufriedene Priester, die die Geborgenheit einer Familie erleben und Frauen, die sie in ihrem verantwortungsvollen Dienst unterstützen. Erst dann wird die Kirche wieder aufleben.
Auch Papst Pius XII definierte übrigens für die Priester, dass sie ihrem Wesen nach ebenso als gute Familienväter geeignet sein müssten. Wären dem Papst die heutigen Forschungsergebnisse bekannt gewesen, hätte auch er zumindest über die Berechtigung des Zölibats nachgedacht. Aber inmitten von Nationalsozialismus und Kommunismus hatte er einfach andere Sorgen.

7) Ganz wichtig: die Reform der theologischen Ausbildung. Den größten Unglauben entdeckt man nämlich interessanterweise im Klerus. Das Hauptgewicht ist zu legen auf eine intensive Schulung des logischen Denkens, aber auch die persönliche Frömmigkeit und die meditative Betrachtung Gottes und der göttlichen Geheimnisse im persönlichen Gebet. Den Respekt vor der Schöpfung, dem Leben und damit auch vor den Frauen. Die gute Beherrschung von Griechisch, Latein und Hebräisch. Vertrautsein mit philosophischen Strömungen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Respekt vor den Wissenschaften. Bewusstsein der Verantwortung und des seelsorglichen Engagements für das ewige Heil der ihnen anvertrauten Menschen. Und nicht zuletzt: ein Gefühl für die Grundregeln menschlichen Anstands.

8) Eine Pfarrei und erst recht eine Kirche steht und fällt mit dem Respekt vor dem Leib Christi. Früher sprach man nicht umsonst vom “Allerheiligsten”. Dies ist der Kern des Christentums. Wenn wir ihn preisgeben, können wir unsere Religion vergessen. Folglich gilt: die Kirche ist weder ein Konzertsaal noch ein Supermarkt. Das muss den Gläubigen bewusst gemacht werden. Also Kniebeuge vor dem Tabernakel, kein Schwätzen und Klatschen (schon gar nicht während der Messe). Den Menschen muss klar gemacht werden, dass sie sich in der wirklichen Gegenwart Gottes befinden. Es ist manchmal peinlich mitanzusehen, wie man vor Politikern katzbuckelt, was das Zeug hält, so korrupt sie auch sein mögen – Gott aber nicht einmal die primitivste Ehre erweist.

9) Der Tabernakel hat in der Mitte zu stehen, nicht der Stuhl des Pfarrers oder Bischofs. Er muss die vollkommene Schönheit des Himmels durch entsprechende künstlerische Verarbeitung vergegenwärtigen. Abschreckendstes Beispiel, das ich je gesehen habe, war die Ausarbeitung als dunkle, hochgereckte Säule, was für unfreiwillige Komik sorgt, wenn sich diese ausgerechnet in einem Nonnenkloster befindet: es handelt sich dabei nämlich um ein klassisches heidnisches Phallus-Symbol! Das heißt konkret: ohne es zu wissen, beten die armen Schwestern einen Phallus an….

10) Hausbesuche, um Kontakt zu den Menschen zu haben. Natürlich ist das nicht einfach für einen Priester. Er muss mit vielen Zurückweisungen rechnen. Der hl. Franz von Sales beispielsweise hat sogar sein Leben riskiert, als er in einer Zeit der Verkommenheit und Verachtung des Klerus die Menschen persönlich aufsuchte. Aber irgendwann haben sie dann verstanden, dass da jemand war, der sich wirklich für sie interessierte – der Erfolg war hart erarbeitet, aber entsprechend gigantisch.

11) Der Einsatz von Laien anstelle von Priestern kann nur in der Diaspora im absoluten Notfall gelten. Es muss begriffen werden, dass das Priestertum heilig ist und sein muss, weil der Priester das allerheiligste Opfer vollzieht. Nur er hat aufgrund seiner Weihe die Wandlungsfähigkeit. Der Laie kann nicht wandeln – auch nicht im Notfall. Die Einsetzung von Laien in der Kirche ist übrigens ein Trick der Oberen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen und an der Reform vorbeizudrücken. Außerdem macht man so das Priestertum überflüssig (und zerstört es letztendlich).

12) Den Laien muss wieder nahegelegt werden, wie wichtig der regelmäßige Sakramentenempfang, persönliches Gebet und Rosenkranz sind. Der Besuch der Messe sollte nicht nur an Weihnachten und Ostern stattfinden, sondern jeden Sonn- und Feiertag. Man muss den Menschen begreiflich machen, dass es hier nicht um ein frommes Kaffeekränzchen geht, sondern um ihr ewiges Seelenheil. Umso schwerwiegender ist ja auch die Verantwortungslosigkeit des Klerus einzuschätzen.

13) Um der klerikalen Eitelkeit entgegenzuwirken, die schon viel Unheil über die Kirche gebracht hat, dürfen die kirchlichen Würdenträger nur im liturgischen Kontext, also während der Messe, als solche erkennbar sein. Ansonsten müssen sie sich auf einfache Priesterkleidung beschränken. Auch die Ehrentitel müssen wegfallen. Jesus verbot sogar die Anrede “Vater”, da es nur einen Vater im Himmel gibt. Von “Hochwürden, Exzellenz und Eminenz” oder gar “Heiliger Vater” ganz zu schweigen. Gott muss im Mittelpunkt stehen, nicht der Mensch. Man könnte die Titel zulassen, wenn sich die Herren entsprechend hochwürdig, exzellent und heilig benähmen – aber das tun sie ja leider nicht.

14) Mitgliedschaft in Burschenschaften, Logen oder ähnlichen Männerbünden muss zur Verhinderung von Seilschaften verboten werden.

15) Der führende Klerus muss endlich zu seinen Sünden, Fehlern und Versäumnissen  stehen: sittliche Verkommenheit, Unredlichkeit, Machtgier, homosexuelle Seilschaften, seelsorgliche Gleichgültigkeit, Glaubenszerstörung. Man muss den Menschen die Wahrheit sagen, eine regelrechte Beichte ablegen – dann aber auch umkehren.

Unser größtes Problem ist allerdings dieses: wir müssten das korrumpierte Personal der Kirche vollständig austauschen. Vorher ist wohl keine Umkehr möglich. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Der Schaden nicht nur für die Kirche, sondern für die ganze menschliche Gemeinschaft ist unermesslich.

Daher wird die Zukunft wohl so aussehen: Wir steuern auf den totalen Ruin zu. Und aus dieser Verelendung wird sich die Kirche geläutert erheben – aber auf dem Niveau eines zu den Ursprüngen zurückgeführten Urchristentums. Die jetzige Kirche erstickt in Plüsch und Reichtum. Viele unschuldige Menschen werden dem Niedergang zum Opfer fallen.