Politische Psychologie

Verschleiern, verblenden, verführen – die lautlose Form der Demagogie

Angelika D. Seibel

Zusammenfassung
Dieser Beitrag soll zeigen, wie antike Konzepte der Massenbeeinflussung bis auf den heutigen Tag umgesetzt werden und mit welchen Gefahren der Demagogie wir heute zu rechnen haben.

Schlagworte: Demagogie, Propaganda, Massen, Beeinflussung, Verfolgung, Führer, subliminal message.

Veiling, blindfolding, seducing – the silent demagogy

Abstract
This analysis demonstrates the ancient conceptions of mass seduction having been  realized until our time and the demagogic challenges we are facing today.

Key words: Demagogy, propaganda, masses, manipulation, persecution, leader, subliminal message.

1. Das Wesen der verdeckten Demagogie

Wenn von Demagogen die Rede ist, haben wir fast ausschließlich die tobenden, heftig gestikulierenden Marktschreier des Hitler- oder Goebbels-Typs vor Augen. Dem ist zu verdanken, dass eine weitaus gefährlichere Form der Demagogie in ihrer Bedeutung verkannt oder schlicht gänzlich ignoriert wird; jene unnennbare Beeinflussung nämlich, die allgegenwärtig und doch unsichtbar in der Gesellschaft als Atmosphäre wirkt und der man sich eben nicht entziehen kann, indem man seine Haustür schließt und den Fernseher ausschaltet. Etwas liegt in der Luft, das die Stimmung umschlagen lässt, ein schleichendes Gift, das wie ein unsichtbares Gas in den Geist eindringt.
Es war das Gefühl für dieses unnennbare Etwas, das deutsche Juden lange vor Ausbruch der Verfolgung in die Emigration trieb und ihnen damit das Leben rettete, während diejenigen, die die Zeichen der Zeit nicht zu deuten wussten, zu Opfern wurden.
Die verdeckte Demagogie, die mit der subliminal message arbeitet, liegt noch vor der eigentlichen Stimmungsmache. Während sie schon auf ihr Ziel zuhält, das prinzipiell in der Auslöschung des Gegners liegt, bemerkt zunächst einmal fast niemand etwas davon, weil sie anfänglich von Wahrheiten oder Halbwahrheiten Gebrauch macht, sie aber durch die Art der Präsentation zur Lüge umwandelt. Und selbst wenn die Hetze offenbarer wird, ist die Mehrheit noch der Meinung, man dürfe das nicht so ernst nehmen, und außerdem sei ja doch etwas dran.

Ein (schein)logischer Argumentationszusammenhang aus Ursache und Folge zeitigt eine geradezu hypnotische Wirkung, wenn dem Kritiker das “Sie können doch nicht leugnen, dass” entgegengehalten wird und er zugeben muss, dass es so erscheint, als ob der Gegner recht hätte, obwohl seine Intuition ihm sagt, dass dem nicht so sein kann. Wie bei einem Zauberkunststück handelt es sich um die perfekte Illusion: niemand kann bezweifeln, dass der Zauberer das Kaninchen aus dem Zylinder gezogen hat, jeder hat es mit eigenen Augen gesehen. Doch nur die Ahnungslosen und die Kinder glauben, dass dies wirklich auf Magie zurückzuführen sei. Tatsächlich weiß jeder, dass da ein Trick im Spiel ist, weil es der gesunde Menschenverstand sagt. Doch ohne Kenntnis der Hintergründe ist der Beweis praktisch unmöglich. Und wenn die Gesellschaft aufwacht, ist sie längst gefangen in einem Gespinst, in das rasch auch der kritische Geist gerät.

Die verdeckte Demagogie ist die Vorstufe der offenen Agitation, die erst dann greifen kann, wenn der Boden in der kollektiven Psyche bereitet ist. Ich spreche bewusst von einer kollektiven Psyche, da während dieses Prozesses die Vielzahl der individuellen Psychen zu einer einzigen Massenpsyche verschmelzen, die letztendlich die des Demagogen abbildet. Durch die verdeckte Vorarbeit sichert sich die Demagogen-Clique ab, denn die größte Gefahr für Propaganda, die dem Volk einfache Denkschemata bieten muss, ist eine rationale Diskussion, die ihre Borniertheit entlarven könnte. Um den rationalen Kritikern von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, argumentiert Propaganda mit Rationalität und sogar “Wissenschaftlichkeit“, um ihre emotionale Ausrichtung zu kaschieren. So berief sich die Herrenmenschideologie der Nationalsozialisten beharrlich auf “wissenschaftliche” Forschungen, die die Überlegenheit des Ariers und die Unterlegenheit der jeweils bekämpften “Rasse” beweisen sollte, wobei es nicht nur um einen Missbrauch, sondern -noch schlimmer- um eine freiwillige Indienststellung der Wissenschaft ging. Insofern können bereits sogenannte “wissenschaftliche Forschungsergebnisse”, noch bevor sich irgendjemand Böses dabei denkt, Teil der verdeckten Demagogie sein. Was zu der für den Durchschnittsmenschen fast völlig unerfüllbaren Forderung führt, dass er wissenschaftliche Ergebnisse stets mit dem “Cui bono?” (Wem nützt es?) hinterfragen sollte.

Und genau mit dieser Unmöglichkeit rechnet die Demagogie. Da Wissen Macht ist, ist Desinformation alles. Wobei Desinformation nicht nur einfach darin besteht, etwas Falsches zu sagen, sondern auch gar nichts zu sagen. Und die Verbindung zwischen dem “Nichts” und dem “Falschen” stellt dann die Assoziation her, die die erste Aussage mit dem Verschwiegenen kombiniert und so die gewünschte zweite Aussage ergibt.

Dazu gehört unentbehrlich der situative Kontext, der für die Gegenwart negativ sein muss, damit der Demagoge als Befreier auftreten kann. Ist er nicht vorhanden, muss er geschaffen werden, wie dies durch den Reichstagsbrand geschah, der die Aufhebung der Grundrechte und damit die legalisierte Ausmerzung der Gegner der NSDAP ermöglichte. Kann er nicht geschaffen werden, muss er zumindest virtuell vorstellbar zu sein, wobei zwei Szenarien einander gegenübergestellt werden müssen: was wäre, wenn man dem Demagogen nicht folgt (Katastrophe!), was ist, wenn man ihm folgt (Paradies!).

2. Die Diapeira
2.1 Die Ausgangssituation

Die ersten, die nach unserem Kenntnisstand eine regelrechte Wissenschaft der Volksbeeinflussung formuliert haben, waren die Griechen mit ihrer Frage nach innersten Beweggründen und Beeinflussbarkeit der menschlichen Seele.
Denn ihr Streben nach der vollkommenen Rede, die Rhetorik, entsprang nicht etwa nur einem unschuldigen Harmoniebedürfnis, sondern dem sehr praktischen Interesse, die eigenen Ziele vor Gerichten und politisch agierenden Volksmassen mit allen Mitteln durchzusetzen. Lange bevor Aristoteles es in Worte fasste, stand fest, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, ein zóon politikón. Bereits spätestens im neunten# Jahrhundert v. Chr. gibt es ein Zeugnis dafür, dass diese verdeckte Form der Volksbeeinflussung existierte und als gängige Praxis ausgeübt wurde.

Es ist eine Episode aus der Ilias, jenem berühmten Epos des Dichters Homer, das den Kampf um Troja schildert. Die Echtheit des Textes wurde aufgrund seiner Widersprüchlichkeit in der Forschung zuweilen angezweifelt. Ist doch das Verwirrende an der Diapeira das Moment der “Prüfung” – oder auch “Versuchung”, wie man das griechische Wort Diapeira (oder Peira) am treffendsten übersetzen könnte. Tatsächlich ist sie ein ganz praktisches Stück Demagogie, in dem für uns greifbar zum ersten Mal die Mechanismen der Volksverführung dargestellt werden. Und die Tatsache, dass wir Heutigen das Vorgehen der Führungsschicht noch genauso irritierend finden wie die damals von ihr betroffenen Soldaten, zeigt, dass diese Mechanismen bis heute funktionieren – und aus eben diesem Grunde bis heute angewandt werden.
Die Situation ist folgende: Die Achaier liegen seit neun Jahren vor Troia, angeblich, um dem greisen König Menelaos die berühmte “schöne Helena” zurückzuholen, die der jugendliche Held Paris ihrem betagten Gatten geraubt hatte, tatsächlich aber wohl wegen der trojanischen Goldschätze. Die Heerführer merken, dass sich eine Meuterstimmung ausbreitet, nachdem die Pest die Truppen erheblich dezimiert hat und weder von der schönen Helena noch von den Goldschätzen etwas zu sehen ist. Als sich schließlich die Könige Achilleus und Agamemnon auch noch um das Beutemädchen Briseis streiten, ist die Stimmung endgültig auf dem Tiefpunkt. Die Soldaten haben es satt, ihr Leben für die amourösen -oder auch monetären- Interessen ihrer Führer zu riskieren. Man will nach Hause, zu einem Leben ohne Pest und sinnlose Schlachten. Da ein kollektives Burnout die Soldaten unbrauchbar gemacht hat und die Begeisterung dahin ist, werden sie nur noch mit halber Kraft kämpfen. Es ist jene Stimmung, die für Führer so gefährlich ist, die Ruhe kurz vor dem Sturm, vorerst noch ein Wetterleuchten; ein Klima, in dem noch nichts wirklich entschieden ist, aber alles möglich bleibt. Eine Situation auf Messers Schneide, die in jedem Augenblick kippen kann. Jetzt fehlt nur noch der starke Mann, der das Unsagbare in Worte fasst und sich an die Spitze der Meuterer stellt: “Zu den Schiffen! Wir gehen!”

Die Heerführer stehen vor zwei großen Herausforderungen:
1. Ihren Soldaten die “Flausen” auszutreiben.
2. Ihre Kampfbegeisterung zu wecken.

Eine Mammutaufgabe.
2.2 Drei Optionen

Was soll man tun? Abwarten, wie sich die Situation entwickelt und dann reagieren? Das hieße letztendlich improvisieren. Doch wer sich passiv verhält, wird von einer Situation eingeholt und gibt die Kontrolle an die “Umstände” ab, die wiederzugewinnen praktisch aussichtslos wäre. Eine typische Opferhaltung. Das Opfer re-agiert, der Täter oder Macher agiert.
Die zweite Option ist ebenso wenig erfolgversprechend: Eine Heeresversammlung einzuberufen, die bestehende Frustration zur Sprache zu bringen und eine Diskussion mit anschließender Abstimmung durchzuführen. Das wäre vielleicht demokratisch, aber viel zu riskant; denn auch hier macht sich der Führer abhängig von der Situation. Was, wenn die Gegenseite die besseren Argumente hat? Und gerade, wenn sie sie hat, gilt es, jede Diskussion im Keim zu ersticken. In Homers Ilias wissen die Heerführer nur zu genau, dass sie in dem Falle einer rationalen Diskussion nicht die geringsten Chancen hätten. Daher ist mit der Diskussion zugleich jeder Ansatz kritisch-rationalen Nachdenkens zu verhindern.
Dieser demokratischen Option entzog sich übrigens auch Bundeskanzler Helmut Kohl hinsichtlich der Streitfrage der Euro-Einführung, als er eine von vielen Seiten geforderte Volksabstimmung kategorisch ablehnte. Die Euro-Lobbyisten wussten, dass sie ihre Gemeinschaftswährung in dem Augenblick begraben konnten, in dem sie eine rationale Diskussion zuließen. Folglich wurde an die Emotionen appelliert und jeder Skeptiker als ewiggestriger Gegner der europäischen Völkerverständigung etikettiert, was natürlich niemand sein wollte. Selbst standhafte Wissenschaftler und Wirtschaftsexperten wurden nach einiger Zeit immer stiller, auch weil ihnen niemand mehr zuhörte. Eine erfolgreiche Demagogie profitiert davon, dass zugleich mit der Propaganda auch unumstößliche Fakten geschaffen werden, so dass sich jeder Widerstand als zwecklos erweist. In diesem Sinne ist die Euro-Einführung tatsächlich eine diktatorische Maßnahme.
Doch zurück zu den Griechen. Als einzige Alternative bietet sich Agamemnon die kontrollierte Entladung der negativen Emotionen an; das, was Aristoteles später als den heilenden Effekt der Tragödie, die Katharsis oder Reinigung bezeichnete. Was auch nicht ganz risikofrei ist, aber immerhin, wenn es funktioniert, eine geradezu hypnotische Nachhaltigkeit verspricht. Es ist das, was wir heute eine “Pferdekur” nennen: jemanden so richtig in die Falle laufen und ihn sämtliche negativen Konsequenzen einschließlich Scham und möglichst noch physischen Schmerzes spüren lassen, damit er die “Lektion” nie wieder vergisst.

2.3 Die Strategie und ihre Vorbereitung: Gerüchte

Nach einem Traum, den ihm Zeus gesandt hat, ist Agamemnon davon überzeugt, dass nun der Zeitpunkt des Sieges über die Trojaner gekommen sei.
Die Strategie, die Agamemnon im Heeresrat vorschlägt, ist insofern ein logisches Vorgehen: “Erst versuche ich selbst sie mit Worten, wie es Brauch ist, und ermahne zur Flucht mit den … Schiffen; ihr dann sucht sie zu halten, ein jeder an anderem Orte.” Noch bevor der Heeresrat tagt, hat Agamemnon Boten losgeschickt, um die Soldaten zu versammeln. Und noch etwas ganz Seltsames geschieht: Ossa geht um, das Gerücht, die Botin des Zeus. Wir wissen, dass die Griechen immer dann Götter agieren lassen, wenn etwas Unerklärliches, Heftiges geschieht, das meistens mit dem Unterbewusstsein in Beziehung steht und nicht natürlich erklärt werden kann. Tatsächlich sind Gerüchte ein überaus wichtiger Bestandteil der Propaganda, wie wir besonders aus unseren Internetzeiten wissen. Das “Übernatürliche” an Gerüchten ist, dass die Quelle meist anonym bleibt, sie stehen plötzlich im Raum wie Gespenster und sind von unglaublichem Durchhaltevermögen. Häufig sind sie wirksamer als die reale Nachricht, und ebenso häufig verliert ein Gerücht dann seine Faszination, wenn es durch eine offizielle Nachricht bestätigt wird. Außerdem empfehlen sie sich mit dem Siegel der Verschwiegenheit und dem Hauch des Geheimnisvollen. Gerüchte werden auch eingesetzt, um das Volk auf eine (unangenehme) Nachricht vorzubereiten, wie etwa vom Rücktritt eines Regierungschefs, dem dann -nach einigen Dementi- irgendwann der tatsächliche Rücktritt folgt. Praktisches Anschauungsmaterial bietet hier der Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten. Nicht selten auch entstehen Gerüchte aufgrund der Intuition oder besonders scharfen Beobachtungsgabe wachsamer Individuen, die zwischen den Zeilen zu lesen vermögen. In jedem Fall sorgen sie dafür, das Volk entsprechend zu präparieren, indem man eine Erwartungshaltung weckt.
Auch in der Diapeira weiß niemand, woher das Gerücht kommt, das die Truppen in gespannter Vorfreude zum Versammlungsplatz treibt. Die Nervosität ist so gigantisch, dass neun Herolde es nur mit größter Mühe schaffen, für etwas Ruhe zu sorgen. Schon zu diesem Zeitpunkt ist abzulesen, wie explosiv die bevorstehende Bewegung sein wird.

2.4 Prüfung und Katharsis

Wie abgesprochen, hält Agamemnon seine Rede, die er mit einer glatten Lüge eröffnet: Zeus habe ihn getäuscht, der Kampf um Troja sei hoffnungslos. Geschickt entfaltet er zugleich die Gegenargumente, auf denen die späteren Reden aufbauen werden: die Achaier seien doch ein so mächtiges, den Trojanern zahlenmäßig überlegenes Volk…
Doch zuhause warteten die Frauen und Kinder, während dieser Einsatz kein Ende nehme. Also sollten sie ihm gehorchen und nach Hause fahren.
Einen kurzen Augenblick hält die Masse den Atem an, denn “er rührte das Herz einem jeden in der Brust.” Dann bricht der Sturm los. Geradezu hysterisch fliehen die Soldaten, die neun Jahre sinnloser Gemetzel und die Pest überlebt haben, zu den Schiffen. Nur weg von hier! Die Entbehrungen, die erlittene Todesangst sind ungeheure Triebfedern.
Jetzt zeigt sich, wie riskant ein solches Vorgehen wirklich sein kann. Denn offenbar hat die Heeresführung die Reaktion unterschätzt. Es gibt kein Zurückhalten mehr. Wie gelähmt steht der sonst so listenreiche Odysseus, der immerhin dem Zeus an Schlauheit zu vergleichen ist. Erst das erneute Eingreifen der Götter, diesmal der von Hera, der Gattin des Zeus, beauftragten Athene, gibt ihm die Kraft, zu handeln.
Er nimmt dem von seiner eigenen List überrumpelten Agamemnon das Königsszepter ab und tritt den fliehenden Truppen entgegen.
Den Aristokraten redet er ruhig zu: nicht alle seien schließlich im Heeresrat zugegen gewesen, folglich kenne nicht jeder die tatsächlichen Absichten Agamemnons. Es handle sich vielleicht nur um eine Prüfung, der bald die Strafe folge. Das ist die reine Wahrheit. Den Aristokraten etwas vorzumachen, wäre ein unverzeihlicher Fauxpas. Und schließlich entstamme seine Königswürde dem Zeus, dessen Liebling er zudem sei (was zumindest im Augenblick wegen des Streits mit Achilleus nicht stimmt).
Das einfache Volk bekommt sein Szepter zu spüren: “Bist du von Sinnen? Sitz still und höre, was andere reden, dir überlegene Männer, denn du bist feige und kraftlos; weder zählte man je im Kampfe dich voll noch im Rate! … einer sei Herrscher,…, dem der Sohn des verschlagenen Kronos Szepter verlieh und Gesetze, dass er der Menge gebiete.”
Es ist auffallend, dass es nur für die Aristokraten eine Erklärung gibt, und zwar genau die, die Agamemnon selbst vor den obersten Heerführern formuliert hatte, was wiederum darauf hindeutet, dass das Vorgehen der Diapeira tatsächlich als Brauch der adligen Führungsklasse bekannt war. Dagegen wird auf das Volk lediglich eingedroschen. Die Logik ist klar: In dem Augenblick, wenn die einfachen Leute den “Zaubertrick” durchschauen, verliert er seine Wirkung.
Auch der weitere Verlauf der Diapeira gehorcht diesem Vater-Kind-Schema, und damit den Mechanismen von Maßregelung und herablassendem Verzeihen. Es ist nur auf den ersten Blick befremdlich, dass die Menschen tatsächlich auf solche Beleidigungen und Demütigungen -bis auf den heutigen Tag- positiv reagieren. Denn die meisten Menschen haben das Bedürfnis, geführt zu werden – und damit hängt direkt zusammen das Bedürfnis, gestraft zu werden, denn durch die Fähigkeit zu strafen erweist sich der Stärkere als Führer, zumal Lob und Tadel eindeutige Definitionen von “Richtig” und “Falsch” und damit klare Handlungsvorgaben liefern. Im Gegenzug gibt es das infantile Gefühl von Wärme und Geborgenheit in einer strengen, aber schützenden väterlichen Hand. Aber bei aller Bereitschaft, sich unterzuordnen, muss die Masse dennoch den Eindruck haben, dass sie diese Unterwerfung aufgrund freiwilligen Entschlusses vollzieht.
Genau das ist auch der Grund, weshalb Agamemnon die Diapeira veranstaltet, statt die Soldaten einfach per Befehl in den Kampf zu jagen.
Allerdings hat der schwache Agamemnon, ein Opfer seiner Begierden, das Problem, dass er das Bedürfnis nach dem starken, schützenden Führer nicht mehr befriedigen kann. Deshalb tritt der von der Weisheits- und Kriegsgöttin Athene begleitete Odysseus an seine Stelle. Er ist in diesem Augenblick der Herrscher oder “Führer” von Gottes Gnaden, jene charismatische Messias-Persönlichkeit, nach der die einfachen Menschen, die mit sich selbst überfordert sind, hungern. Und wie Kinder, die den Vater als “streng, aber liebevoll” verehren, stecken sie auch bereitwillig die Prügel ein, ohne sich nur einen Augenblick zu fragen, ob sie gerechtfertig sind. Keiner weist darauf hin, dass schließlich Agamemnon selbst sie aufgefordert habe, seinem Rückkehrbefehl zu gehorchen. Alle trotten gehorsam zurück zu ihren Plätzen, schweigend, im Gegensatz zu jener ersten Versammlung, die zu dem Ausbruch führte.

Woran deutlich wird, dass der erste -“therapeutische”- Effekt erreicht ist: die Katharsis als innere Reinigung und Entgiftung ist vollzogen. Die Truppen haben verstanden: a) dass ihre Fluchtreaktion falsch war, und wenn sie falsch war, dass sie b) dann eben etwas nicht richtig verstanden haben. Womit c) bewiesen wäre, dass sie tatsächlich in jeder Hinsicht unfähig sind und d) das Denken am besten jenen überlassen, die von den Göttern dazu auserwählt sind.
Die Heeresführung hat eine Kollektivschuld geschaffen, indem sie die Massen durch unterbewußte Lenkung in einen Fehler trieb, der aufgrund des situativen Kontextes geschehen mußte. Ergebnis ist eine kollektive Reue – und ein kollektives Minderwertigkeitsgefühl#.
Dass die von den Göttern Auserwählten, die man bei uns als “Elite” bezeichnen würde, ebenso verschlagen und hinterhältig sind wie Kronos, dessen Sohn Zeus ihnen Szepter und Gesetze verliehen habe, wird ganz selbstverständlich hingenommen. Auch heute ist es streckenweise überraschend, mit wie viel Verständnis ein nicht geringer Teil des Volkes betrügerische Politiker hinnimmt und sie sogar höher bewertet als redliche – selbst wenn es von ihnen ausgebeutet wird. Es mag daran liegen, dass Redlichkeit mit Dummheit und politischer Unfähigkeit gleichgesetzt wird. Zugleich gibt es einen einfachen Mechanismus: ein redlicher Politiker hielte vielen einen Spiegel vor, die selbst nicht unbedingt die Moral schätzen.

2.5 Das hässliche Gesicht der Demokratie: Thersites

Doch jetzt kommt den aristokratischen Demagogen einer gerade recht: der hässliche Thersites, seines Zeichens “Missgeburt” und Antiheld. Er wirft sich zum Sprecher der Unterdrückten und Betrogenen auf. Seine Tragik ist, dass er recht hat, mit jedem einzelnen Wort. Doch sein verkrüppeltes Äußeres und die kreischende Stimme übertragen sich auf seine Äußerungen. In einer Welt, in der nur der jugendlich-schöne Held zählt (oder eben der edle alte Weise), hat er keine Chance. Thersites nennt die Habgier, Zügellosigkeit und Unfähigkeit der Könige, besonders des Agamemnon, beim Namen, er weist als einziger darauf hin, dass die Könige ohne die Truppen nie etwas ausgerichtet hätten. Er spricht zugunsten des Volkes, er warnt es vor dem kommenden Unheil – doch dieses verurteilt ihn scharf als Lästerer. Er ist das hässliche Gesicht der Kritik und des Widerspruchs. Und jetzt bietet er Odysseus die willkommene Gelegenheit, in seiner Person jegliche Kritik niederzuprügeln. Die Anwesenden freut´s, und die blutige Züchtigung des Buckligen löst eine befreiende Heiterkeit über das “Meisterstück” des Odysseus aus.  Die Szene hat als zwischengeschaltete Komödie einen zugleich pädagogischen und kathartischen Wert.
Denn sollte noch einer leise Zweifel verspürt haben, so wird er sie spätestens jetzt ganz bestimmt ablegen, wenn er der unangenehmen Konsequenzen gewärtig wird, die ihm Odysseus stellvertretend an Thersites in Aussicht stellt: “…wenn ich nicht Hand an dich lege und gleich dir die Kleider vom Leibe reiße, den Mantel und Rock, und was die Scham dir umhüllet, und dich selbst mit Geheul zu den …Schiffen verscheuche, aus der Versammlung geprügelt mit schmählichen Hieben!” Prompt bricht der Aufrührer, der eben noch Agamemnon, Achill und den folgsamen Kameraden mangelnde Männlichkeit unterstellt hat, in Tränen aus.
Auf diese Weise wird ein Exempel statuiert, und zwar auch im Sinne der vorbildhaften Tat: Odysseus geht mit “gutem Beispiel” voran und zeigt, wie ein Kritiker zu behandeln ist. Der Dichter, der als ein von den Göttern inspirierter Seher galt, macht keinen Hehl daraus, dass er dieses Vorgehen befürwortet.

2.6 Literatur als massenpädagogisches Instrument

Wir dürfen diese Passage als politische Stellungnahme deuten, in einem Staatswesen, das zwischen Aristokratie, Demokratie, Oligarchie und Tyrannenherrschaft hin und her gerissen war. Thersites ist das hässliche Gesicht der Demokratie, die ein Verstoß gegen die kosmische Harmonie ist. Wobei es wohl kein Zufall ist, dass der Name “Thersites” an das griechische “thér” anklingt – das Tier, was aus dem kritischen Menschen prompt eine “tierische” Kreatur macht#.
Demütigen und Lächerlichmachen der politischen Gegner: Homer selbst betreibt hier unmissverständliche Propaganda zugunsten der Aristokratie. Selbst wenn die Könige menschliche Schwächen haben, so sind sie doch per definitionem göttlicher Herkunft und von Zeus geliebt.
Wie man sieht, haben wir es nicht nur mit einer demagogischen Romanhandlung zu tun, sondern das Werk selbst verrät hier seinen politischen Zweck, wenn nicht sogar seine Funktion als Auftragsarbeit.
Es ist eines von zahlreichen Beispielen aus der Literaturgeschichte für den Einsatz erbaulicher oder entspannender Literatur zum Zwecke der Volkserziehung. Eine eingängige Handlung in gefälliger Sprache kolportiert sehr viel effizienter Erziehung als große Vorträge über Moral und Sittlichkeit. Denn hier ist das Unterbewusstsein beteiligt. Der Leser, Hörer oder Zuschauer leidet mit den Personen – und verinnerlicht auf diese Weise, ohne dass er es bemerkt, die vermittelten Lehren. Er erhält die Belohnung, wenn die von ihm bewunderten Protagonisten als Helden klassifiziert werden, und die Bestrafung, wenn das Gegenteil eintritt.
Und sollte etwa einer Verständnis für Thersites empfunden haben, wird er die Blamage und den Schmerz genau so empfinden wie sein “Held”, wird auch er sich fühlen wie ein geprügelter Hund. Die Inszenierung der Massenszene sorgt beim Leser für eine Identifizierung mit der virtuellen Mehrheit.
So werden Maßstäbe gesetzt wie “ES gehört sich nicht” oder “ES ist nicht in Ordnung”. Die befehlende, erziehende und damit prägende Institution besteht natürlich aus Menschen, die ihre Machtziele verfolgen, aber sie vergrößern ihren Wirkungsradius durch die Verborgenheit hinter einem unpersönlichen “Es” – dem kollektiven Über-Ich. Der Vorteil gegenüber dem persönlichen Auftreten liegt einfach darin, dass bei diesem viel stärker das Bewusstsein beteiligt ist. Wenn jemand als “Lehrer der Masse” auftritt und physisch auf einem Podium erscheint, muss er ständig damit rechnen, beäugt, begutachtet und beurteilt zu werden. Es entstehen Parteiungen und damit Diskussionen. Dem einen gefällt seine Nase nicht, dem anderen seine Stimme. Genau das geschah, als in Athen die Redner und Kandidaten der jeweiligen politischen Parteiungen auftraten. Wie die Diapeira selbst beweist, ist die Reaktion der Masse nicht bis ins letzte kalkulierbar. Ein Demagoge ist auf den Augenblick angewiesen – und wenn er Pech hat, wie Agamemnon, kann die ganze Sache etwas aus dem Ruder laufen.
Da ist ein “mit-reißendes” Stück Literatur oder Musik (was im Falle der antiken Dichtung meist auf das Engste miteinander verbunden war) allemal günstiger. Während das Wirken eines Redners mehr oder weniger auf den Ort seines Auftretens begrenzt bleibt, verbreitet sich Literatur und Musik nicht nur als Original, sondern auch durch das Nacherzählen und Hörensagen. Oft führen derart emotionale Erlebnisse auch zu einem Umdenken, das in diesem Falle – und das ist das Gefährliche daran – nicht von der Ratio gesteuert wird, sondern von diffusen Gefühlen. Der Mensch wird in eine Traumwelt hineinversetzt, die auch noch lange Zeit nach dem Lesen anhält. Aus dieser Traumwelt heraus werden dann politische Entscheidungen gefällt.

2.7 Die Nachbearbeitung der Massen

Die folgenden Reden zeigen allerdings, dass man die Einwürfe des unerwünschten und lächerlich gemachten Kritikers durchaus ernst nimmt. So wie Thersites seinen Landsleuten mangelnde Männlichkeit vorwarf, so auch Odysseus und der weise alte Nestor. Und auch der Vorwurf, dass Agamemnon alle Frauen für sich haben wolle, wird aufgenommen, denn er ist aus zwei Gründen gefährlich: erstens schürt er den Neid bei den von ihren Frauen seit fast zehn Jahren getrennten und sexuell ausgehungerten Soldaten. Zweitens gefährdet der Vorwurf mangelnder sexueller Selbstdisziplin das Ansehen eines Führers, der Vorbildfunktion hat.

In seiner anschließenden Rede stellt Odysseus das Geschehen so dar, als handelte es sich bei dem Aufbruch der Achaier um einen Verrat an Agamemnon. Dies ist natürlich eine Verdrehung der Wahrheit in ihr Gegenteil, hat doch der König selbst den Truppen den ausdrücklichen Befehl erteilt. Wem der anschließende Applaus der so zu Unrecht beschuldigten Männer nicht nachvollziehbar erscheint, möge einen Blick auf die Gegenwart lenken: sowohl der Osloer Attentäter Anders Breivik als auch die Mitglieder der NSU konnten ihren Verbrechen ungehindert nachgehen, weil die staatlichen Behörden sie unbehelligt ließen. Dies ging soweit, dass man sicherlich von einer Duldung, wenn nicht Billigung oder sogar Unterstützung seitens staatlicher Organe sprechen muss, zumal Politiker oder politiknahe Persönlichkeiten wie der von den Medien hochgepuschte Thilo Sarrazin mit missverständlichen Äußerungen im Vorfeld zusätzlich die Stimmung angeheizt hatten. Auch die Tatsache, dass die NPD einen nicht unbedeutenden Teil ihres Erfolges staatlichen Vertrauensmännern zu verdanken hat, sollte dem Volk eigentlich zu denken geben. Doch statt einer kollektiven Anklage der Regierung kommt genau die Reaktion, die wir in der antiken Diapeira aus dem neunten Jahrhundert v. Chr. beobachten: das Volk, das doch eigentlich nichts verschuldet hat, klopft an die eigene Brust, zieht auf die Straße und zeigt das, was von den politischen Führern als “Zivilcourage” etikettiert wird. Wobei dieser Begriff deshalb in Anführungszeichen zu setzen ist, weil Zivilcourage nur dann als solche gelten kann, wenn sie sich als mutiges Handeln einzelner Individuen gegen eine Masse oder überlegene Staatsgewalt richtet – ganz im Gegensatz zu dem, was sich hier vollzieht, wo das Individuum gewissermaßen auf Befehl der Regierung als Massenwesen in der ihn schützenden Menge mitschwimmt.
Genau wie die antiken Truppen hat das Volk des 21. Jahrhunderts wieder einmal begriffen, dass es unfähig ist, Verbrecher in den eigenen Reihen zu stoppen. Was allein deswegen unmöglich ist, weil es im Gegensatz zum Staat keine Aufklärungsmechanismen besitzt. Worin liegt der Grund für diese Irreführung? Auch hier dürfen wir wieder auf die Antike zurückgreifen. Durch die Erzeugung eines ständigen Minderwertigkeitskomplexes, einer Kollektivschuld, erhält man die Unterwürfigkeit eines Volkes. Dies ist besonders wichtig in Zeiten des Umbruchs, wenn sich die Führungsschicht unsicher fühlt.

Doch bei aller Maßregelung äußert Odysseus sogar Verständnis, tituliert die Soldaten, die er zuvor als Kindsköpfe bezeichnet hat, als “Freunde” – und beruft sich seinerseits auf das göttliche Versprechen, das schon Agamemnon angedeutet hatte, wobei er die bisherige Erfolglosigkeit sogar als Erfüllung des Orakels deutet, das den Erfolg erst für das zehnte Jahr prophezeit habe. Er akzentuiert damit sich selbst und die übrige Führerriege erneut als die Rationalen, die Wissenden und Vertrauten der Götter, während das Volk von diesem elitären Kreis ausgeschlossen ist.
Die so hinters Licht geführten Soldaten bejubeln die Rede des Listigen derart heftig, dass die Schiffe von ihrem Geschrei dröhnen.

2.8 Die Lüge von der unfähigen Minderheit und der herrschenden Elite

Der Auftritt des greisen Nestor bringt die erneute Beschimpfung der Soldaten als vernunftlose Kinder und noch einmal eine schamlose Lüge, wenn er Agamemnon auffordert, unentwegt den Truppen in den Schlachten voranzugehen (ein wichtiger Akt der Bestätigung des mittlerweile umstrittenen Königs als Heerführer und damit seiner Autorität) und zugleich behauptet, es handle sich nur um einen oder zwei Soldaten, die in die Heimat zurückkehren wollten – und die könne man getrost untergehen lassen, da sie ohnehin zu nichts imstande seien. Auf diese Weise werden zwei enorm wichtige Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die angeknackste Führungsautorität Agamemnons wird bestätigt, die Zahl und geistige Leistungskraft der Kritiker wird heruntergespielt. Exakt die gleiche Taktik setzte Hitler bei seiner Rundfunkansprache unmittelbar nach dem Attentat des 20. Juli in der Wolfsschanze ein, als er die Widerstandsgruppe als einen ganz kleinen Kreis charakterlich heruntergekommener Offiziere beschrieb.
Nicht anders wird bei heutigen Diskussionen verfahren: Islamkritiker werden als kleine Minderheit, konservativ, ängstlich und damit psychisch labil dargestellt und in ideologische Nähe zu den Nationalsozialisten gerückt. Und bevor der Umweltschutzgedanke zum Allgemeingut wurde, galten die Grünen als ein kleines Grüppchen ebenso verwöhnter wie spinnerter Wohlstandshippies.
Ergebnis: Wer anders denkt, befindet sich in der Minderheit und ist damit ungeschützt, außerdem ist er ein Dummkopf.
Auch Nestor fügt noch ein göttliches Zeichen hinzu und beweist damit wieder einmal, dass die Führungsschicht allein den göttlichen Willen versteht und damit auch den Göttern nahe ist. In einer weitgehend atheistischen Zeit wie der unsrigen ist an die Stelle göttlicher Auserwählung der Begriff der “Elite” getreten. Er ist indes genau so einzuschätzen wie sein Vorgänger. Platon äußerte ganz unverblümt, man müsse dem Volk solch edle Lüge erzählen, um das Kastenwesen seines totalen Staates zu begründen (Platon, Politeia, 414 d).

2.9 Todesangst und Sexualität

Nestor spricht zudem zwei Triebe an: den der Selbsterhaltung und der Sexualität, indem er Todesangst und Geilheit schürt. Er prophezeit, dass diejenigen, die zurückkehrten, als erste stürben. Außerdem erteilt er einen moralisch verbrämten Vergewaltigungsbefehl: keiner dürfe heimkehren, bevor er nicht mit einer Trojanerin geschlafen habe, um die “einsamen Seufzer” der Helena zu rächen. Auch hier wird also auf die Vorhaltungen des Thersites eingegangen, dass sich die Führung die Beutefrauen allein vorbehalte. Dieser Befehl zollt der Tatsache Rechnung, dass moralische Vorhaltungen wegen mangelnder sexueller Selbstkontrolle häufig auf Neid zurückzuführen sind, woraus auch Thersites keinen Hehl macht. Die Befriedigung sexueller Bedürfnisse ist so essentiell, dass sie über alle anderen Probleme hinwegtrösten kann, selbst über die Todesgefahr. Nur in diesem Zusammenhang ist die gewaltige gesamtgesellschaftliche Explosion zu verstehen, die die sexuelle Befreiung der 60er Jahre ausgelöst hat.

2.10 Tödliches Dilemma

Schließlich ergreift Agamemnon das Wort, lobt Nestor für seine Rede, beweist damit die Einigkeit der Führungsklasse und zeigt publikumswirksame Reue wegen seines Streits mit Achilleus. Seine Leistung während der ganzen Episode besteht darin, dass er die (beinahe verhängnisvolle) Initialzündung gab und nun die Früchte der demagogischen Arbeit seiner Propagandisten erntet.
Dann gibt er ohne zu zögern den Kampfbefehl, der eine bisher nicht gekannte Krönung erfährt: sollte einer dem Kampf fernbleiben, wird er selbst dafür sorgen, dass er stirbt.
Die Soldaten befinden sich also in der Zwickmühle: sie werden ihr Leben mit großer Wahrscheinlichkeit in einem der zahllosen aussichtslosen Kämpfe verlieren. Aber genauso sicher wartet auf den, der sich auch nur vom Kampf zurückhält, das Todesurteil.
Dennoch jubeln die Truppen. Das Wechselbad der Gefühle hat seinen Zweck erreicht: es hat Klarheit in der Frage “Flucht ja oder nein?“ geschaffen, aber doch für genügend Irritation gesorgt, um den Soldaten zu zeigen, dass sie allein nichts als ein Haufen unzusammenhängender Einzelwesen sind, aber mit dem Führer und durch ihn allein ein mächtiges Heer darstellen, das die Welt aus den Angeln heben kann. Dieses Machtgefühl überträgt sich durch den kollektiven Rausch auch auf das Individuum – und es dämpft die Angst.

3. Urangst vor Ausstoßung führt zur Selbstaufgabe in der Masse

Die Überzeugung, nicht ohne die Gruppe existieren zu können, dürfte auf die urzeitliche Erfahrung der aufeinander angewiesenen Jäger und Sammler zurückzuführen sein. Einmal ganz abgesehen vom existenzentscheidenden Jagderfolg, bietet die Einbettung in die Gruppe oder das “Volk” dem Individuum Schutz und Deckung seiner Bedürfnisse. Und nicht nur das: auch in Form von Anerkennung und Zuwendung sichert sie das Selbst-Bewußtsein, gibt sie dem Ich erst Leben und Lebendigkeit. Aber genauso gründlich erstickt das Kollektiv das Ich. Denn problematisch wird es, wenn das kollektive Über-Ich nach dem Einzel-Ich greift, um es sich einzuverleiben, es zu verschlingen. Der unentrinnbare Sog der Gruppendynamik agiert dann wie ein Schwarzes Loch, in dem sich das Ich im Wir oder – noch schlimmer – im Es verliert.
Denn dieses tatsächliche oder vermeintliche Angewiesensein auf Gemeinschaft ist die Falle, in die der verführte Mensch hineintritt, da sich als logische Konsequenz die Erpressung ergibt: vom “heimischen Feuer”, wie es die Römer ausdrückten, verstoßen zu werden, bedeutet den sicheren Untergang. Wobei Feuer hier auch durchaus metaphorisch jede Art von Wärme und Zuhause bezeichnet. So reicht die Entfernung der Störfaktoren von kollektivem Liebesentzug (exemplarisch betrieben vom Führer) und expliziter Ausgrenzung (Zensur) über die physische Entfernung (Exil) bis zur Vernichtung. Der letzte, der noch Mensch geblieben ist, weil er sich das freie, kritische Denken bewahrt hat, wird zum Un-Menschen, zum Nicht-Menschen, ja, zum Tier erklärt, damit allen die neuen Verhältnisse klar werden: wer ein Anrecht auf sein Menschsein hat, wird vom Führer definiert. Weshalb die Angst, aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, zugleich die Angst vor der Gruppe und ihrer tödlichen Dynamik ist.
Die Logik ist so zwingend und seit Jahrtausenden verinnerlicht, dass der Mensch den Schritt der Selbstaufgabe in der Masse automatisch und völlig unbewußt vollzieht. Der Massenmensch hat nichts eigenes mehr an sich, er agiert als Maschine, fremdgesteuert, und wenn man ihn später fragt, warum er sich gerade so und nicht anders verhalten hat, wird er sich entweder überhaupt nicht mehr an seine Beweggründe erinnern (“Ich kann es mir nicht erklären, es ging alles so schnell, die anderen haben … und da hab ich halt auch…”) oder voller Scham, die Kontrolle über sich verloren zu haben, empört abstreiten.

4. Der Demagoge als gottgleicher Alchemist

Dem Demagogen haftet etwas Dämonisches an, weil er über naturgegebene Grenzen hinweggeht und sich damit selbst zum Gott macht. Wie ein Alchemist löst er das Ich auf und verwandelt es in Masse und schließlich in Pöbel. In diesem Sinne mag der Begriff der Besessenheit nur auf den ersten Blick verwundern. Denn in ihrer höchsten Vollendung muss die Demagogie imstande sein, jegliche Individualität auszuschalten, was die totale Negation all dessen bedeutet, was den Menschen zum Menschen macht: das selbständige Denken, der freie Wille (den nach christlicher Lehre selbst Gott achtet) und damit die eigenverantwortliche Entscheidung zwischen Gut und Böse. Dabei wird das, was wir als “Seele” bezeichnen, ausgelöscht, und an dessen Stelle tritt die “Seele” des Demagogen. Es handelt sich um eine klassische Inbesitznahme. Das, was uns fortan als Einzelmensch NN entgegentritt, ist nunmehr nichts als eine äußere Hülle in Wirklichkeit gleichgeschalteter Lebewesen. So kommt es zu dem, was Demagogie bezweckt: zur Vervielfältigung des Demagogen-Ichs in den Elementen einer Masse. Und so kann es tatsächlich passieren, dass man den Menschen, den man vor dem einschneidenden Ereignis kannte, nicht mehr wiedererkennt. Ganz einfach, weil er nicht mehr derselbe ist.

5. Die Illusion von der eigenen Meinung

Der Massenmensch darf nicht merken, dass er nur eine ihm zur Verfügung gestellte Information wiederkäut. Er muss das Gefühl haben, selbst zu der Erkenntnis gekommen zu sein, nicht etwa manipuliert zu werden. Eine große Rolle spielen dabei Vereinfachung und Wiederholung, damit die Botschaft eingängig und Teil des Unterbewußten wird, so dass sich der Mensch möglichst nicht mehr daran erinnern kann, woher er sein “Wissen” hat. In meiner eigenen Praxis habe ich Erwachsene erlebt, die steif und fest von sich behaupteten, niemals den Medien zu glauben, weil die ja doch nur staatliche Propaganda verkündeten- und die im gleichen Atemzug genau das äußerten, was tagtäglich in Fernsehen, Print und Internet als Dauerberieselung zu vernehmen ist. Gleichzeitig waren sie sehr stolz auf ihr “eigenständiges” Denken.

6. Die “Banalität des Bösen” und das Thersites-Prinzip

Die blutige Verprügelung des Thersites ist ein komödienhafter Einschub, der die Handlung auflockern und gefällig machen soll. Aber gerade in diesem burlesken Element lauert die Gefahr: die Gewaltausübung gegen Kritiker wird zu einem Spaß verharmlost. Ein Gag, aus dem, da er zugleich eine vorbildhafte Tat ist, sehr schnell blutiger Ernst werden kann. Niemand ist gefährdeter als ein Außenseiter gegenüber einer zum animalischen Wolfsrudel verkommenen Masse, in der sich einige beliebt machen wollen, indem sie “ganze Arbeit leisten” – und dabei einen tödlichen Schritt zu weit gehen. Auch in zivilisierten Gesellschaften gilt der alte Instinkt, dass ein Außenseiter vogelfrei ist, da er durch den Ausschluss den Schutz des Führers und damit auch des Rudels verliert. An ihm darf man ungestört seine Aggressionen austoben- und wird dafür sogar noch belohnt.

7. Moderne Fallstudie: Die Lage der katholischen Kirche in Deutschland

Es hat in der Geschichte viele Individuen und Gruppen gegeben, die in die Thersites-Rolle gedrängt wurden. Gegenwärtig widerfährt dies wieder in der Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche in Deutschland den (besonders katholischen) Christen, denen regelmäßig vorgehalten wird, dass sie zu einer verschwindenden Minderheit würden, die außerdem sittlich verkommen sei. Die Kombination dieser beiden Aussagen erwies sich als self-fulfilling prophecy, indem die strategisch platzierten Enthüllungen im Missbrauchsskandal von 2010 eine Kirchenaustrittswelle hervorriefen, die ihrerseits in den Medien so präsentiert wurde, dass sie einen Herdentrieb auslösen sollte. Nur wenige erkannten den Kulturkampf. Eine lähmende Mischung aus kollektiver Scham und resignierter Gleichgültigkeit verhinderte jeden Ansatz von gesunder Skepsis. Schließlich schienen die Fakten festzustehen. Interessanterweise empörte sich damit eine Gesellschaft über ein Vergehen, das gerade im familiären Umfeld überaus häufig ist und deren Konsum an Kinderpornographie einem Markt enorme Zuwachsraten beschert, der hinsichtlich Umfang und krimineller Energie dem internationalen Drogengeschäft nahekommt#.
Waren die Täter zunächst fast ausschließlich Jesuiten, weitete sich die Welle der Vorwürfe sehr rasch auf den gesamten Klerus aus, bis sie schließlich auch die Laien erfasste. Erst bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass das Thema gepuscht wurde. Zum einen wurden sich der Nachprüfbarkeit entziehende Beschuldigungen gegen Verstorbene gerichtet, zum anderen zeigte die prozentuale Rechnung, dass es sich gerade einmal um bis zu 4 Prozent des Klerus handelte, die straffällig geworden waren, während sich etwa 90 Prozent des Missbrauchs in den Familien abspielt#. Die von Sachlichkeit weit entfernte Präsentation des Skandals in den Medien zielte vorrangig auf das Wecken hasserfüllter Emotionen ab und wies erstaunliche Parallelen zu den Schauprozessen auf, die das Hitlerregime gegen Priester und Ordensleute wegen Homosexualität anzettelte, bald darauf jedoch wieder einstellte, weil man die Reaktionen der damals noch kirchentreuen Bevölkerung fürchtete.
Die unausbleiblichen Richtigstellungen bezüglich der Anzahl der Beschuldigten und der Unhaltbarkeit der Vorwürfe wurden, wenn überhaupt, so diskret vorgenommen, dass sich der bleibende Eindruck verfestigte, dass katholische Christen Kinderschänder seien. Auch die Vorfälle an der weltlich geleiteten Odenwaldschule konnten daran nichts mehr ändern. Die vergiftete Atmosphäre wurde von einem interviewten Passanten treffend charakterisiert: “Immer wenn ich einen Priester sehe, denke ich: `Wie viele Kinder hast Du schon missbraucht?´”
In der Folge wurde rundweg gefordert, Priester an den Pranger zu stellen und ins Gefängnis zu werfen- in bester nationalsozialistischer Pogromtradition. Die in diesem Fall sich anbietende Frage, inwieweit der Täter auch Opfer gewesen sein könnte, wurde allenfalls oberflächlich gestreift.
Demgegenüber kam es zu keiner Generalverurteilung von Lehrern und Sporttrainern. Das Verfahren sollte in den Katholiken ein Gefühl der Kollektivschuld hervorrufen. Es ist das, was Odysseus dem unbotmäßigen Thersites androht: “…werde ich dir die Kleider vom Leibe reißen, und was die Scham dir verhüllet.” Die Entblößung des Genitales kann auch geistigerweise erfolgen, da sexuell orientierte Vorwürfe den Gegner am sichersten entmachten. Dabei geht es nicht um die Fakten an sich, sondern darum, sie zu benutzen. Auf ähnliche Weise hatten die Nationalsozialisten mit dem Propagandafilm “Jud Süß” für Pogromstimmung gesorgt.

Als Papst Benedikt XVI zum Staatsbesuch in Deutschland landete, war das Klima entsprechend vergiftet. Über die Kosten dieses Staatsbesuchs wurden unterschiedliche Zahlen verbreitet, die alle eines gemeinsam hatten: sie mussten dem Durchschnittsbürger astronomisch erscheinen. Dass die wegen der permanenten antikirchlichen Propaganda derart angespannte Sicherheitslage diese Ausgaben nötig machte, erwähnte man nicht.
Eine exponierte Stellung nahm die Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert ein, der eindringlich “die Christen” als Nazi-Täter anprangerte, ohne die Auseinandersetzungen zwischen Naziregime und Kirche und die ermordeten christlichen Widerstandskämpfer zu erwähnen. Gleichzeitig wurde Lammert in den Medien wiederholt als frommer Christ präsentiert, um ihn über jeden Verdacht erhaben scheinen zu lassen. Dies konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass er das Bild vom “Verbrecher-Christen” im Sinne der Propaganda ergänzte.

Eine detaillierte Analyse des Staatsbesuches würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Ich möchte daher auf meine Publikationen an anderer Stelle verweisen, in denen ich die Reden der deutschen Gastgeber und des Papstes ausführlich besprochen habe.

Literatur

Le Bon, G. (1911): Psychologie der Massen. Stuttgart 15. Aufl. 1982: Kröner.

Nestle, W. (1975): Vom Mythos zum Logos. Nachdruck der 2. Auflage, Stuttgart: Kröner.

Müller W. (2010): Keine falsche Stärke vortäuschen. Herder-Korrespondenz 64, 3, S.119-123: Online-PDF-Ausgabe. Zugriff am 25.02.2012. Verfügbar unter http://www.herder-korrespondenz.de/aktuelle_ausgabe/artikel/aktuelle_ausgabe/special/details?k_beitrag=2296155.

Seibel, A.D. (1994): Volksverführung als schöne Kunst – Die Diapeira im zweiten Gesang der Ilias als ein Lehrstück demagogischer Ästhetik. Frankfurt a. M.: Peter Lang Verlag.

Seibel, A. D. (1995): Widerstreit und Ergänzung – Thersites und Odysseus als rivalisierende Demagogen in der Ilias. Hermes, 123, S. 386 ff.

Seibel, A. D. (2011):  Zu Gast bei einer “wohlorganisierten Räuberbande” – Die große Rede des Papstes im Bundestag. Politik-News-net. Zugriff am 01.03.2012. Verfügbar unter http://politik-news.net/zu-gast-bei-einer-%E2%80%9Cwohlorganisierten-rauberbande%E2%80%9D-die-grose-rede-des-papstes-im-bundestag/

Seibel, A. D. (2011):  Die schweigende Gesellschaft – Was will der Papst wirklich sagen? Politik-News-net. Zugriff am 01.03.2012. Verfügbar unter http://politik-news.net/die-schweigende-gesellschaft-was-will-der-papst-wirklich-sagen/

Seibel, A. D. : Doch die Seinen nahmen ihn nicht auf – Empfang und Rede des Papstes vor Schloss Bellevue. Politik-News-net. Zugriff am 01.03.2012. Verfügbar unter http://politik-news.net/doch-die-seinen-nahmen-ihn-nicht-auf-empfang-und-rede-des-papstes-vor-schloss-bellevue/