Schavan und andere Plagiatoren

Warum Annette Schavan gehen muss – Und warum die Misere damit nicht behoben ist

 

Es ist nicht neu: Das Problem der Wissenschaftler sind die Politiker. Sie hemmen, missbrauchen, korrumpieren die Wissenschaft – und bringen sie in Verruf. Das Schlimmste aber ist, dass sie glauben, ein Anrecht darauf zu haben, die Wissenschaft regelrecht zu besitzen, wie einen Sklaven oder eine Prostituierte. Aber Wissenschaft muss unabhängig sein, sie darf sich nicht prostituieren, weder an politische Systeme noch an ehrgeizige Politiker.

Genau das aber verlangen Leute wie Schavan, Guttenberg und zahllose andere. Nur weil sie es gerade gebrauchen können, soll die Wissenschaft ihre Qualitätsmaßstäbe neu definieren (oder seien wir ehrlich: außer Kraft setzen).

Durch sie geraten alle Promovierten in Verdacht. Der Doktortitel ist keine Auszeichnung mehr, sondern ein Brandmal, dessen man sich zunehmend schämen muss. Wobei diejenigen, die Schavan unterstützen, meist aus Eigeninteresse handeln, weil sie selbst einen unseriös ergaunerten Titel führen. Aber es gibt auch viele, die ganz einfach nicht wissen, dass man “den Doktor” nicht “einfach so kriegt”, sondern dass man dafür arbeiten muss – und zwar sehr hart. Besonders ätzend sind dann mitunter die Weisheiten gewisser Journalisten, die mal eben zwischen Kaffee und Stulle ihre unsäglichen Kommentare loslassen.

Was ist das Grundproblem?

Prinzipiell sind Wissenschaft und Politik per definitionem unvereinbar. Warum? Wissenschaft erfordert zwingend die Fähigkeit zu selbständigem Denken, während die politische Karriere genau dieses zwingend ausschließt. Hier ist man auf Seilschaften angewiesen, was bedeutet, dass man wie ein Herdenvieh dem Leittier nachtrotten muss. Dabei ist selbständiges Denken nicht nur ein die Harmonie empfindlich beeinträchtigender Störfaktor, sondern eine schwerwiegende Charakterschwäche.

Indem allerdings die Führungspositionen der Wissenschaft seit Jahrzehnten mit Personen besetzt werden, die auch politisch involvierten Klüngeln wie Bruderschaften, Logen und sonstigen Gruppierungen angehören, hat sich diese Mentalität leider auch an den Universitäten breitgemacht.

Worum geht es überhaupt bei einer Promotion?

Bei einer Promotion geht es eben nicht, wie gewisse Amateure in den Medien dem Volk einzutrichtern versuchen, um ein einfaches “Zusammenschreiben” von vorausgegangenen Büchern, sondern um den Nachweis, dass man zu eigenen Schlussfolgerungen und Denkentwürfen fähig ist. Nicht umsonst bezeichnet man so etwas als “Forschungsarbeit”.
Ist die entsprechende Fähigkeit nicht vorhanden, hat der Kandidat keinen -auch nicht den geringsten- Anspruch auf den Doktortitel. So einfach ist das. Es handelt sich eben nicht  nur um einen Titel, sondern um ein Qualitätssiegel, das gerade aus diesem Grunde weit höher liegt als ein Adelstitel, dessen man ohne jegliche Verdienste teilhaftig wird, weil man entweder im richtigen Bett geboren ist, eine “gute Partie” gemacht oder eine beträchtliche Geldsumme investiert hat. Dazu passt, dass mir oft Vertreter des Adels ihren Neid auf die Akademiker bestätigten, die etwas zustandegebracht hatten, das ihnen aufgrund geringer geistiger Leistungsfähigkeit versagt geblieben war.

Aber sie war doch so überfordert …

Die vielbeschworene “Überforderung” kann kein Argument sein. Wer sich zu einem bestimmten Zeitpunkt oder prinzipiell überfordert fühlt, soll die Sache entweder aufschieben, bis er imstande ist, eine ordentliche Forschungsarbeit vorzulegen, oder es  ganz bleiben lassen. Das wäre für die meisten Politiker vielleicht sogar die beste Alternative. Hier gilt die gleiche Devise wie in der ganz normalen Arbeitswelt für ganz normale Arbeitnehmer: wenn Sie mit einem Job überfordert sind, dann machen Sie ihn nicht. Punkt. Da gibt es schließlich auch kein Pardon.
Nicht zu vergessen, dass in den Augen zahlloser junger Wissenschaftler dieses ewig heruntergebetete Mantra von der angeblichen Überforderung wie Hohn und Spott klingen muss: sie, die wirklich Wissenschaftler sind, erbringen hervorragende Forschungsergebnisse mit Zweitjob und Familie im Rücken – ohne die Protektion zu genießen, die sogenannten “vielversprechenden jungen Politikertalenten” zuteil wird, bei denen es sich von selbst versteht, dass nicht nur der Doktorvater, sondern eine ganze Universität die Augen zudrückt.

Der kleine Unterschied – und seine Folgen

Während diese ehrlosen Protégés ungehemmt Karriere machen, landen viele der wirklich hochbegabten Wissenschaftler in der Arbeitslosigkeit, bei Hartz IV – oder, wenn sie viel Glück haben, bei einem Job als Taxifahrer, Kellner und Putzfrau. Fragt man auch hier wieder nach dem Warum, ergibt sich die einfache Antwort, dass eine selbsternannte “Elite” von Polit-Protégés natürlich kein Interesse daran haben kann, echte Talente hochkommen zulassen, die ihre Unfähigkeit entlarven könnten. Und so breitet sich in allen Bereichen der Gesellschaft wie ein Krebsgeschwür eine korrupte, paranoide Schicht von Individuen heraus, die auf das Schweigen ihrer Mitwisser angewiesen sind, eine Mafia der Dummheit und Mittelmäßigkeit, die durch ihre schiere Existenz jeden Fortschritt ausbremst.

Dazu eine Randbemerkung aus meinem eigenen Umfeld: Heuchlerisch klagte Schavan immer wieder, Deutschland verfüge über eine viel zu geringe Zahl von Akademikern. Daraufhin machte ein mir persönlich bekannter Wissenschaftler mit erstklassigem Abschluss, der auf seine Bewerbungen ausschließlich Absagen erhalten hatte, die Probe aufs Exempel und bot sich Frau Schavan unter Schilderung seines Problems zwecks Mitarbeit an. Er bekam nicht einmal eine Antwort.

Was sind die Folgen dieser Skandale?

Das ohnehin nicht gerade hochangesehene deutsche Universitätswesen macht sich zunehmend lächerlich. Wobei sich nicht nur die einstigen Doktoranden, sondern auch die Doktorväter und Universitäten Vorwürfe gefallen lassen müssen. Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten:

1) Entweder haben hier völlig unzulängliche Gutachter gewirkt, ganz zu schweigen vom Doktorvater, der offenbar nicht einmal die einschlägige Literatur seines Fachbereichs kannte, oder:

2) Es war von vornherein beschlossene Sache, dass das “vielversprechende Junge Politiktalent” unbedingt einen Titel bekommen müsse – egal wie. In diesem Fall wäre die Dissertation nur noch eine Formsache gewesen. So etwas nennt man Protektion und Klüngelwirtschaft – inwieweit auch Korruption im Spiel war, kann man nur vermuten.

Ein Land, das blüht, hat auch eine unabhängige Wissenschaft. Deutschland blüht schon lange nicht mehr, folglich ist es nicht weiter überraschend, dass auch sein Wissenschaftsbetrieb dem einer Bananenrepublik entspricht.