Zum Papstbesuch 2011 – Teil II

Doch die Seinen nahmen ihn nicht auf – Empfang und Rede des Papstes vor Schloss Bellevue

 

Als der Papst in Berlin aus der Maschine steigt, ist die Luft im ganzen Land bereits durch die Hetzpropaganda der Medien vergiftet. Jedem ist klar, dass Benedikt XVI einfach nur Glück hat, wenn er diesen Besuch überlebt. Er befindet sich in Feindesland – und das ist trotz des bemühten Eventgehabes und der Sicherheitsvorkehrungen unübersehbar. Der Pontifex, der Oberste Brückenbauer, ist hier eine “persona non grata“, eine unerwünschte Person, die allenfalls geduldet wird.

Dabei gerieren sich die feindseligen Gastgeber so überzeugend, wie es nur geht, als Gutmenschen. Dieselben Politiker, die bei Verhandlungen mit China eher mal so nebenbei und geradezu verschämt auf die dort allgegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen hinweisen, um so tun zu können, als hätten sie etwas getan, ohne den von China Richtung Deutschland fließenden Geldstrom zu gefährden, führen sich hier als strahlende Widerstandskämpfer und Retter der Menschheit auf.

Allen voran – natürlich – der Bundespräsident, Christian Wulff.

ZWEIERLEI MASS? DIE GESPALTENE VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG DES CHRISTIAN WULFF

Wulff gehorcht dem für die deutsche Vergangenheitsbewältigung so typischen Motto: “Widerstand ist dann gut, wenn man sich hinter ihm verstecken kann.” So eröffnet er seine Rede mit einer heuchlerischen Würdigung des Widerstands, die bisweilen an die Grenzen des guten Geschmacks stößt. Der Hinweis auf das “Wunder einer friedlichen Revolution und die Wiederherstellung der Einheit unseres Vaterlandes und Europas”, das ohne den  “mutigen” Vorgänger Johannes Paul II nicht möglich gewesen wäre, kommt mit einem doppelten Seitenhieb auf den Gast daher: aus dem weiteren Verlauf der Rede darf Benedikt XVI schließen, dass er das Gegenteil von mutig, also feige ist.

Außerdem wird dem Papst demonstrativ vorgehalten, dass der Einigungsprozess tatkräftig vom Vatikan unterstützt wurde. Eine ebenso hämische wie pikante Äußerung: ist doch gerade infolge der Wiedervereinigung mit dem atheistisch geprägten Osten der Wind für die katholische Kirche schärfer geworden, zumal ehemalige DDR-Funktionäre und Stasi-Mitarbeiter hohe Positionen besetzen und selbst Die Linke als SED-Nachfolgepartei im Bundestag sitzt. Die Frage darf also mit Fug und Recht gestellt werden, ob Gesamtdeutschland nicht zumindest in geistiger Hinsicht das Erbe der DDR angetreten hat. Dass sich der Papst dieses Problems bewusst ist, zeigt nicht zuletzt sein Auftritt vor den Eichsfelder Katholiken in Etzelsbach, die er für ihren Widerstand in “zwei gottlosen Diktaturen” lobt, “die es darauf anlegten, den Menschen ihren angestammten Glauben zu nehmen“.

Die Wiedervereinigung im gleichen Atemzug mit dem deutschen Widerstand gegen Hitler zu nennen, ist außerdem eine bewusste historische Verzerrung: war der Widerstand eine Ansammlung einzelner gleichgesinnter Individuen, die bei den internationalen Regierungen nicht nur vergeblich um Unterstützung nachsuchten, sondern sogar an das Hitler-Regime verraten wurden (während übrigens der Vatikan unter Papst Pius XII Hilfe und Deckung in vollem Umfang gewährte), handelte es sich bei den Montagsdemonstrationen um Massenveranstaltungen, die mit der ausdrücklichen Billigung der Großmächte abliefen. Honecker und seine Crew wurden gestürzt, weil die internationale Politik es so wollte; da waren die demonstrierenden Massen allenfalls dekoratives Beiwerk. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass Wulff sich zwar – weil man sich das mittlerweile leisten kann – vom Nazi-Regime distanziert, nicht aber vom DDR-Unrechtsstaat. Während der Papst in Etzelsbach “zwei gottlose Diktaturen” anprangert, spricht Wulff nur von einer einzigen, nämlich dem Nazi-Regime. Reines Versehen? Oder Beweis dafür, dass die DDR-Machthaber auch in Gesamtdeutschland nach wie vor einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausüben?

Wulffs patriotischer Redeeinstieg erinnert an die beschönigende Weltsicht von Diktatoren, die darauf angewiesen sind, nationale Märchenlandschaften zu entwerfen, von denen jeder weiß, dass sie nicht existieren. Und so wird Deutschland, in dem es zunehmend drunter und drüber geht, als die Heimat der Widerständler, friedlichen Revolutionäre und sozial Engagierten beschrieben. Genau diesen letzten Punkt wird der Papst in seiner Rede an die engagierten Katholiken widerlegen, wenn er die zunehmende soziale Kälte im Land beklagt, die mit dem Glaubensschwund in direktem Zusammenhang stehe.

DIE FORDERUNG: FREIWILLIGE GLEICHSCHALTUNG DER KATHOLISCHEN KIRCHE  ODER BEDROHTER MINDERHEITENSTATUS

Das, was der Papst schlicht als “Glaubensschwund” diagnostiziert, fasst der Bundespräsident anders auf. Die folgende Passage enthüllt ihren wahren Sinn erst dann, wenn sie zusammen mit der Aussage über die Trennung von Kirche und Staat gelesen wird:

„Sie kommen auch in ein Land, in dem der christliche Glaube sich nicht mehr von selbst versteht, in dem die Kirche ihren Ort in einer pluralen Gesellschaft neu bestimmen muss.“

„Kirche und Staat sind bei uns in Deutschland zu Recht getrennt. Aber: Kirche ist keine Parallelgesellschaft. Sie lebt mitten in dieser Gesellschaft, mitten in dieser Welt und mitten in dieser Zeit.“

Diese beiden Passagen zusammengenommen stellen eigentlich eine Frechheit dar, wie man sie sich gegenüber einem internationalen Massenmörder wahrscheinlich nie herausgenommen hätte. Wulff geht eindeutig auf Distanz zu seinem Gast – und zu allen, die hinter ihm stehen; die Aussage “Mit Ihnen und Ihrem Anhang (sprich: der Christenheit) wollen wir nichts zu tun haben, es sei denn, Sie tun, was wir wollen” liegt auf der Hand.

Mit dem obersten Stellvertreter Christi werden auch alle Christen in diplomatisch gerade noch korrekter Form darauf hingewiesen, dass sie in der Gesellschaft der Zukunft ein Auslaufmodell sind. Da der Papst jedoch faktisch nur die katholischen Christen vertritt, gilt der Anwurf in erster Linie ihnen. Eine bemerkenswerte Parallele zum Nazi-Regime übrigens, das seinen Hauptgegner ebenfalls in den Katholiken sah. Die Kirche und damit auch die Gläubigen haben vom Staat keinen Schutz zu erwarten. Kirche und Staat stehen sich als zwei Mächte gegenüber; wenn es ungünstig kommt, als verfeindete. Im Ernstfall kann dies bis zum faktischen Verlust der Bürgerrechte führen. Und wenn Christen verfolgt werden, kann und darf sich der Staat heraushalten (wie es vor Jahren die Juden in Frankreich erfahren mussten, als sie von den Muslimen attackiert wurden und den Staat vergeblich um Hilfe baten).

Welche Zustände daraus entstehen können, zeigt ein Blick nach Ägypten: die Muslime gehen auf die Christen los, stecken ihre Kirchen in Brand, töten sie. Und die Polizei schaut erst einmal lange ungerührt zu, bevor sie (vielleicht) einschreitet. Wohlgemerkt: das ist das “neue”, befreite Ägypten des von den westlichen Ländern so leidenschaftlich begrüßten “Arabischen Frühlings”.

Aber es bedeutet noch etwas anderes, und das hat durchaus den Charakter einer Drohung: Ein Land, in dem der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich ist, ist schlicht eine Gesellschaft, in der Christen zur Minderheit werden und nur noch auf Toleranz und Duldung hoffen können. Ob die ihnen gewährt wird, hängt von ihrer Integrationsfähigkeit ab.

Womit das Thema Ökumene angesprochen wäre – und zwar nicht im positiven landläufigen Sinne, sondern in dem der Politik: gemeint ist jene Art von ausgehandeltem Glauben, in dem sich die katholische Christenheit auflöst und in ihrer Individualität unsichtbar wird. Eine Identifizierung mit dem Katholizismus erfolgt an keiner Stelle der Rede, das Wort “katholisch” wird stets gebraucht, als bezeichnete es etwas Fremdes, das nicht (mehr) dazugehört. Deutschland ist protestantisch, da „Stammland der Reformation“. Und wenn die Katholiken hier noch irgendwann eine Existenzberechtigung haben wollen, dann wird ihnen nichts anderes übrigbleiben, als sich an eine gleichgeschaltete Gesellschaft anzupassen, die unter dem Deckmantel des Pluralismus in Wahrheit einen für Unrechtsregime gut verdaulichen Einheitsbrei fordert.

TRENNUNG VON KIRCHE UND STAAT? DIE DIKTATORISCHEN HERRSCHAFTSANSPRÜCHE DES STAATES

„Kirche ist keine Parallelgesellschaft. Sie lebt mitten in dieser Gesellschaft, mitten in dieser Welt und mitten in dieser Zeit.“

Das klingt zunächst einmal ganz richtig. Problematisch daran ist nur, dass der Staat hiervon Herrschaftsansprüche ableitet, die ihm nicht zustehen. Die katholische Kirche in Deutschland wird gemeinsam mit allen anderen Nationalkirchen auf der politischen Weltbühne durch den Vatikanstaat vertreten, der über die gleiche Souveränität verfügt wie jeder andere Staat. Die deutsche Regierung KANN also dem Vatikan ebenso wenig wie der deutschen Kirche einfach vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Dass sie mitten in dieser Gesellschaft, Welt und Zeit lebe, klingt zwar irgendwie zutreffend, ist aber keine Begründung für das, was der deutsche Staat wirklich will. „Die Kirche hat sich unterzuordnen“ – das ist kurzgefasst die Botschaft des Bundespräsidenten. Doch mit diesem Traum, den schon viele Diktatoren geträumt haben, ist er leider auf dem Holzweg. Denn es ist Pflicht und tiefster Wesenszug der Kirche, sich den Moden und wirren „Zeitgeistern“ zu entziehen, zu verweigern. Es ist folglich ihre Pflicht, Widerstand zu leisten – und zwar gerade dann, wenn es der Politik am wenigsten passt.

Wäre die katholische Kirche auf den damals herrschenden nationalsozialistischen Zeitgeist eingegangen, dann hätte sie sich Hitler wie weite Teile der protestantischen Kirche als Staatskirche angeboten. Dass sie es nicht getan hat ebenso wenig wie zu allen Zeiten der Tyrannei, in denen sie sich als Kirche der Widerständler erwies, hat dazu beigetragen, dass sie heute noch existiert. Als Gründung Jesu Christi ist die Kirche zudem metaphysisch, und damit steht sie über der Zeit. Auf das Widerständlertum der Christen wird der Papst denn auch in seiner Bundestagsrede im besonderen eingehen.

Zudem ist Wulffs Argumentation logisch nicht vereinbar mit der Idee der Trennung von Kirche und Staat.

Denn trotz der Trennung wird der Kirche das Recht auf einen eigenständigen und selbstbestimmten Status verwehrt. Dies ist umso seltsamer, als der Staat sich selbst diese Eigenständigkeit durch die Trennung sichern wollte. Populär ausgedrückt: der Staat lässt sich zwar nicht von der Kirche hineinreden, aber die Kirche soll sich vom Staat vorschreiben lassen, was sie wie zu tun hat. Das ist natürlich eine schwerwiegende Verletzung eines Vertrages, der immerhin zwischen zwei souveränen Staaten geschlossen wurde. Was Deutschland will, geht in Wahrheit in die Richtung einer Annexion. Die Kirche soll ihren unabhängigen Status verlieren und dem deutschen Staat regelrecht einverleibt werden – eine klassische Staatskirche nach dem Vorbild Englands und Chinas. Dann handelt es sich bei den Bischöfen schlicht um Staatsfunktionäre (was sie, zumindest dem Geiste nach, heute schon sind). In diesem Kontext ist später auch die Rede im Bundestag einzuordnen, wenn Bundestagspräsident Norbert Lammert den Papst spüren lassen will, dass er buchstäblich „unter ihm steht“.

Das, was sich die deutsche Regierung wünscht, ist die serienmäßige Neuauflage der „Deutschen Christen“, wie sie sich während des Dritten Reiches innerhalb der protestantischen Kirche gebildet hatten, um ein an den Nationalsozialismus angeglichenes „modernes“ Christentum zu vertreten. Diese antisemitischen und rassistischen Staats-Christen waren zweifelsohne zeitgemäß und lagen damals voll im Trend – nur mit Christentum hatten sie nichts mehr zu tun. Kein Wunder, dass sie sich bald totliefen.

Vor einem solchen Hintergrund versteht man, weshalb Papst Benedikt XVI als Staatsoberhaupt kam: als Vertreter eines souveränen Staates, der niemandem Rechenschaft schuldig ist, schon gar nicht den aktuellen deutschen Machthabern. Die Unterwerfung oder –  noch besser – Zerstörung des Vatikanstaats ist übrigens ebenfalls ein uralter Diktatorentraum, dem auch Napoleon und Hitler anhingen.

MENSCHLICHKEIT ALS PROPAGANDATRICK, UM KATHOLIKEN ZU BRANDMARKEN

Und da Herr Wulff gerade dabei ist, gibt er dem Oberhirten noch einige Hausaufgaben auf. Besonders von den Medien bevorzugt wurde nicht umsonst die extrem wirksame Frage: „Wie barmherzig geht sie (die Kirche, d. Verf.) mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um?“

Fast schon tränenumflort klingt da seine Stimme: der Papst möge doch etwas Barmherzigkeit für jene Menschen aufbringen, in deren Leben ein Bruch entstanden sei. Er bittet um die Zulassung Geschiedener zur Kommunion. Das ist menschlich verständlich, zumal Wulff selbst davon betroffen ist, und er kann fest auf ein kollektives Kopfnicken vor den Bildschirmen bauen, selbst seitens der überzeugtesten Katholiken. Diese Bitte ist eben deswegen so machtvoll, weil sie gar nichts mit Politik zu tun hat, sondern rein emotional ist, weil sie faktisch “dich und mich” betrifft und betreffen kann, wenn sich das eigene Schicksal ungünstig entwickeln sollte. 1:0 für Wulff.

1:0 für die Propaganda. “Wie kann die Kirche nur so gemein sein? Dieser Papst da, dieser verständnislose alte Kerl!”

Wer Wulff jemals kennengelernt hat, ist von dieser plötzlichen religiösen Inbrunst eher überrascht. Noch nie ist ihm aufgefallen, dass sich der Karrierepolitiker nach dem Empfang der hl. Kommunion verzehrt habe. Und auch seine in dekorativer Unschuld dazu lächelnde Frau macht nicht gerade den Eindruck einer nach der Vereinigung mit unserem Herrn Jesus Christus schmachtenden Martyrerin.
Was ist hier passiert? Sind unser Bundespräsident und seine aufopferungsvolle Gattin von einem geheimen Leiden befallen, von dem wir bisher nichts ahnten?
Sind sie, wie wir alle, Opfer einer kirchlichen Verfolgung von Menschen, die sich einfach nur liebhaben wollen?

Im Waffenarsenal der römischen Rhetoriker gab es dafür einen Begriff, der alles erklärt: “Captatio Benevolentiae”. Das Haschen nach dem Wohlwollen des Zuhörers. Dazu gehört es ganz selbstverständlich, dass man sich als Opfer des Gegenspielers darstellt, und zwar mit einem möglichst heftigen Druck auf die Tränendrüse. Und ein Sahnehäubchen ist es, wenn man dies noch verallgemeinern kann: “Euch alle kann es treffen!”

Die Wirksamkeit wird noch gesteigert durch die direkt anschließende Frage, die einer impliziten Anklage gleichkommt: „Wie (geht die Kirche) mit den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern (um)?“

Wulff kann hier nicht leugnen, dass er mit uralten Vorwürfen, die bereits seit langem vom Staatsfernsehen wiedergekäut werden, eine bewusste Attacke gegen die katholischen Christen fährt. Die Intention ist klar: Die katholische Kirche ist eine Ansammlung von Tätern, sei es als Inquisitoren, Kreuzzügler oder als Kinderschänder. Die Passage klingt nur harmlos, weil die Medienindustrie für eine Aufbauschung der Fälle im vergangenen Jahr gesorgt hat und dem Hörer der Skandal, auch wenn er sich etwas gelegt hat, noch immer gegenwärtig ist. Tatsächlich aber wird der Papst hier aufs Neue gebrandmarkt und mit ihm alle Katholiken. Diese ihrerseits inquisitorische Frage des Herrn Wulff ist indes zeitlich überholt, weil die Kirche längst in der Missbrauchsangelegenheit tätig geworden ist. Der einzige Zweck besteht darin, die Sache demagogisch zu vermarkten und erneut propagandistisch aufzukochen. Und so ganz nebenbei gewinnt man den Eindruck, dass Christian Wulff unter Einsatz aller Mittel eine Generalabsolution für seine eigenen Sünden erzwingen will, indem er auf die der Kirche verweist.

DIE WAHRE AUSSAGE DER WULFF-REDE: KATHOLIKEN UNERWÜNSCHT

Vergleicht man die Verächtlichkeit, die Wulff bei allen heuchlerischen Willkommensgrüßen gegen das Oberhaupt der katholischen Kirche zeigt, mit dem Ton seiner Reden zum Thema Islam, dann ist zweierlei klar: niemals würde er es wagen, mit der gleichen Verve „Integrationsfähigkeit“ von den Muslimen zu fordern. Und daher: Wulff ist zweifellos der Bundespräsident der Protestanten und der Muslime. Vielleicht auch noch, weil er nach der deutschen Vergangenheit nicht anders kann, der Juden. Aber ganz sicher nicht der Katholiken.

Da drängt sich unwillkürlich jene Stelle aus dem ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums auf: “Er kam in sein Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.” Der Stellvertreter Christi hat längst kein Zuhause mehr in Deutschland. Katholiken unerwünscht.

Durch Wulffs Propagandarede ist der Papst von Anfang an im Nachteil – und mit ihm die gesamte katholische Christenheit, die gemeinsam mit ihrem Oberhaupt an den Pranger gestellt worden ist. Die ersten Sekunden sind entscheidend, und die konnte Wulff naturgemäß für sich nutzen, weil er als Gastgeber die erste Rede hielt. Er hat den Tagesordnungspunkt vorgegeben, und es ist klar, dass der Papst diese Frage nicht jetzt, in diesem Augenblick lösen kann. Noch bevor Benedikt XVI zu sprechen beginnt, ist die Stimmung schon gegen ihn. Leittier Wulff, der Alpha-Wolf, hat seiner Antipathie Ausdruck verliehen; das bundesdeutsche Rudel wird ihm folgen.

Der Papst nimmt die Einlassung des Politikers höflich zur Kenntnis; beide wissen, dass es sich lediglich um einen Propagandatrick handelt, bei dem menschliches Leid als wohlfeile Waffe benutzt wird, um den Gegner auszuschalten. Die politische Klasse in Deutschland will von dem eigentlichen Anlass des Besuches ablenken: dass der Papst gekommen ist, um das Volk vor ihr zu warnen. Besorgt, ja, geradezu ängstlich wird man das Menschenaufkommen bei seinen Auftritten zählen.

DIE WARNUNG DES PAPSTES: DIE DUNKLE VERGANGENHEIT DEUTSCHLANDS DROHT ERNEUT ZUR ZUKUNFT EUROPAS ZU WERDEN

Dann kommt die kurze Erwiderung des Pontifex. Eine höfliche Würdigung des Schlosses Bellevue geht nahtlos in eine kräftige Ohrfeige über, die Wulffs heuchlerische Vereinnahmung des Widerstands Lügen straft: die dunkle Vergangenheit Deutschlands sollte “Anstöße für die Gegenwart“ liefern, um eine „bessere Zukunft“ aufzubauen. Der Text spricht für sich: „Die Bundesrepublik Deutschland ist durch die von der Verantwortung vor Gott und voreinander gestaltete Kraft der Freiheit zu dem geworden, was sie heute ist. Sie braucht diese Dynamik, die alle Bereiche des Humanen einbezieht, um unter den aktuellen Bedingungen sich weiter entfalten zu können. Sie braucht dies in einer Welt, die einer tiefgreifenden kulturellen Erneuerung und der Wiederentdeckung von Grundwerten bedarf, auf denen eine bessere Zukunft aufzubauen ist.“

Schon die Schlüsselwörter verdeutlichen, was der Papst von der deutschen Gegenwart hält und von dem Weg, den diese Gesellschaft einschlägt. Eine „bessere Zukunft“ bedeutet nichts anderes als dass die Gegenwart „schlechter“ ist. Rückbesinnung auf die Grundwerte der Gründung der Bundesrepublik, die das Fundament der menschlichen Existenz schlechthin sind, tut not: Verantwortung vor Gott und die Kraft der Freiheit. Ohne sie gibt es keine Entfaltung, sondern einen tödlichen Stillstand, in dem jegliche Humanität im Sinne von Menschlichkeit zugrundegeht. Die „aktuellen Bedingungen“ stehen diesem göttlichen Fundament entgegen, daher ist es besonders wichtig, dass der Mensch eine klare Entscheidung für das Gute – und damit für Gott – trifft.

Und wenn wir das nicht tun? Wohin geht dann der Weg? Man ersetze diese Schlüsselwörter durch ihre Gegenteile, dann hat man die Antwort:

Verantwortung vor Gott – Abfall von Gott, Gottlosigkeit
Kraft der Freiheit – Unterjochung, Versklavung
Dynamik – Stillstand

Dabei würdigt der Pontifex die beherrschende Stellung Deutschlands in Europa, die sich jedoch schon zweimal, besonders aber während des Naziregimes, als Bedrohung für die ganze Welt erwiesen hat. Diese Gefahr besteht erneut, weil die globale Entchristianisierung zu einer kollektiven Schwächung beigetragen hat. Sie hat zu einem totalen kulturellen Verfall geführt, dem eine kulturelle Erneuerung entgegentreten muss.

DEUTSCHLAND ALS WEGBEREITER EINER GLOBALEN DIKTATUR DER GOTTLOSIGKEIT

Der Papst warnt vor nichts anderem als der Errichtung einer globalen Diktatur der Gottlosigkeit, einer nicht nur neuen, sondern größeren Auflage dessen, was Deutschland unter der Nazi- und Stasiherrschaft erlebt hat. Der Abfall von Gott aber ist seit den Zeiten des Alten Testaments immer mit der Hinwendung zu einem blutigen Götzenkult verbunden, eine Regel, von der sowohl Nationalsozialismus als auch Kommunismus und “realexistierender Sozialismus” keine Ausnahme gemacht haben; stets in der Geschichte trägt der Baal, dem zahllose Menschenleben geopfert werden, einen anderen Namen. Doch hinter den mannigfaltigen Fratzen des Götzen verbirgt sich immer ein- und dasselbe: das absolut Böse, der Menschenmörder von Anbeginn. Das Böse, das uns lächelnd umschmeichelt, das in uns selbst wirkt und wirbt, und doch nur auf unseren Untergang als der von ihm so gehassten Geschöpfe Gottes aus ist.

Es ist das Mysterium des Bösen, vor dem der Oberhirte später die Jugendlichen warnen wird.

Doch er ist fremd im eigenen Land.